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Needful Things – ein kleines ABC nützlicher Dinge des 20. Jahrhunderts

A – wie Achtmillimeterfilme

Wer heute in den Familienarchiven kramt – meist sind es traurige Anlässe – und sich ganz weit vorwagt in die äußersten Winkel des Dachbodens oder in die hinteren Reihen der Kellerregale, der stößt dort unter Umständen auf einen Karton voller kleiner quadratischer Schachteln, handtellergroß und einen knappen Zentimeter dick.

Öffnen wir eine davon, dann finden wir darin fragile Spulen aus durchsichtigem Kunststoff, die fast so aussehen wie die alten Tonbandspulen, die wir in einer anderen Ecke des familiären Erinnerungsstollens bereits entdeckt haben. Aufgerollt ist etwas, das ungefähr so breit wie ein Magnetband ist, jedoch nicht von dem ominösen Braun, das anscheinend damals unabdingbar war für diese Tonträger – nein auf diesen Spulen sind Celluloidstreifen aufgerollt, acht Millimeter breit und auf ein oder zwei Seiten perforiert. Neben bzw. zwischen der Perforation entdecken wir, wenn wir ganz genau hinschauen – was uns in unserem Alter nicht immer ganz leicht fällt – eine Reihe von winzigen Bildchen.

Wenn wir diesen Filmstreifen – denn um einen solchen handelt es – gegen das Licht halten, erkennen wir auf den Bildchen nichts. Dazu sind sie viel zu klein.

Aber dort in der Ecke steht noch etwas: eine Art kleiner schwarzer Koffer, den wir bisher noch nicht aufgemacht haben. Jetzt nehmen wir ihn vorsichtig in die Hand, lösen den Deckel und finden darunter ein schwarzes Gerät mit einer Linse und zwei ausklappbaren Spulenarmen: einen Schmalfilmprojektor!

Wenn Sie dieser Entdecker sind, dann dämmert Ihnen vielleicht jetzt etwas von einer längst vergangenen Zeit: sie erinnern sich dunkel daran, wie Ihr Vater um die Sandkaste herum hüpfte und einen kleinen schnurrenden Apparat in der Hand hielt. Oder später einmal, beim Schwimmwettbewerb im Hallenbad, wäre er da nicht einmal beinahe ins Becken gefallen, weil er ständig in diesen selben kleinen Kasten starrte, während Sie selbst einen ehrenvollen 3. Platz in der Staffel erschwammen.

Das war die Filmkamera, die Ihr Vater da bediente, und dies hier sind die Schmalfilme, auf denen Ihr Vater – oder in selteneren Fällen auch einmal die Mutter – die wichtigsten Ereignisse Ihrer Kindheit festhielt.

Weitere Erinnerungen blitzen auf: „Geh doch noch mal ein Stück zurück und lauf noch mal zu Pappi!“ – „Ja, warum?“ – „Nun mach doch einfach mal!“ – „Aber warum denn?“ – „Das wirst du später schon sehen! Wenn du groß bist!“

Jetzt sind wir groß und wir könnten es sehen, wie wir klein und pummelig durch blühende Landschaften taumelten, uns mit Schokolade und Schlagsahne beschmierten und von Schoß zu Schoß weitergereicht wurden. Das können wir jetzt sehen, wenn … ja, wenn der Projektor noch funktioniert, wenn die Projektionslampe noch heil ist, wenn der schmale alte Film noch nicht so porös geworden ist, dass er zwischen unseren ungeduldigen Finger zerbröselt.

Es sind in der Regel nicht sehr viele Dokumente dieser Art vorhanden, denn die Schmalfilme waren damals unverhältnismäßig teuer, und die Begeisterung für die Kamera und die Filmerei legte sich in den meisten Familien sehr schnell.

Einige, wenige Väter jedoch blieben bei ihrem Hobby und gingen später mit der Achtmillimeter-Kamera hinaus in die Urlaubswelt. Auf diesen Filmen sehen wir dann unsere Mutter im Badeanzug mit irgendwelchen fremden Menschen über Strände tollen, die wir selbst nie gesehen haben. Sie lachen und trinken bunte Getränke, und manchmal schwenkt die Kamera hinaus aufs Meer, wo man nichts Interessantes sieht.

Es soll auch Menschen geben, die diese bewegte und bewegenden Familienchronik später überspielt haben – mehrfach, denn die VHS-Cassette ist heute auch nicht mehr das, was sie einmal war.

(Siehe das Kapitel V – wie VHS-Rekorder)

Was heute fast völlig vergessen ist: es gab in dieser Frühzeit der Kommunikationsgesellschaft sogar Spielfilme im Achtmillimeter-Format zu kaufen. Viele Zeichentrickfilme waren darunter, aber auch „richtige“ Filme wurden angeboten – stumm zwar und für das Heimkino ungefähr auf die Hälfte ihrer Originallänge gekürzt, aber immerhin.

In unserer Familie gab es keine Achtmillimeter-Kamera und keinen Projektor. So habe ich die Peinlichkeiten meiner Kindheit und Jugend nur in meinem Kopf gespeichert – und das ist gut so!

F – wie Fernseher

Ich war 14 Jahre alt, als der neue Mitbewohner bei uns einzog. Etwas unförmig und ordentlich schwer kam er daher, und Herr Voigt vom gleichnamigen Rundfunk-Fachgeschäft musste ziemlich schnaufen, als er ihn hereinschaffte und aufstellte: unseren ersten Fernseher. Die „Glotze“ – wie er später abschätzig genannt wurde – starrte mit ihrem blinden großen Auge wie Polyphem in unser Wohnzimmer.

Bisher hatte es da eine eindeutige Ordnung gegeben: an der einen Wand der Esstisch, an dem allerdings nur am Sonntag gegessen wurde, sonst aßen wir in der Küche; unter dem Fenster die Eckbank mit dem Couchtisch (schwarze Glasplatte, auf der man jedes Staubkorn sah, wie meine Mutter nicht müde wurde zu bemerken) und in der Ecke, unter einem weiteren Fenster der Schreibtisch meines Vaters, ein ziemlich gewaltiges Möbel aus Eichenholz mit Rollläden vor den Schubladen links und rechts.

Alles hatte seinen Platz (auch das Telefon aus Bakelit, das auf einem Sideboard stand), diese Ordnung wurde nun gestört durch den neuen Zimmergenossen, den „Fernseher“. Die 3-Zimmer-Wohnung, in der wir damals wohnten, im Erdgeschoss eines frei stehenden Bürgerhauses, das sich vergeblich nach der Decke einer „Villa“ zu strecken versuchte, war kurz zuvor umgestaltet worden. Die beiden größten Zimmer, die durch eine Schiebetür verbunden waren, hatte mein Vater getrennt, in dem er in den Türrahmen eine Tischlerplatte einsetzte. Jetzt waren es zwei getrennte Räume.

Auf der neuen Platte in der Zwischentür hatte mein Vater ein genau ausgetüfteltes Regal aus Elementen des in den 50er und 60er Jahren so beliebten STRING-Systems angeordnet und sorgfältig hinterrücks angebohrt. Diese Ordnung, kaum geschaffen, geriet nun schon wieder durcheinander, denn hier in dieser Wand sollte der neue „Fernseher“ seinen Platz finden.

Im Regal gab es diesen Platz allerdings nicht, also musste das Ganze umgebaut werden, so lange bis in der Mitte der verrammelten Tür Raum für einen kleinen Tisch mit unten konisch zulaufenden schrägen Beinen war. Darauf wurde er schwere Kasten gestellt und ängstigte meine Mutter nicht wenig: „Wenn er nun aber doch mal runterfällt …!“

Er fiel nie runter, sondern tat brav seinen Dienst und zeigte in strahlendem Schwarz-Weiß das Fernsehprogramm – , ja: DAS Programm – es gab nur eins im Jahre 1958! Es begann an den Wochentagen um 17.00 Uhr mit der Kinderstunde, am Sonntag um 12.00 Uhr mit dem „Internationalen Frühschoppen“. Eine Fernbedienung brauchte man unter diesen Bedingungen nicht – Vater schaltete ein, und wenn alles gelaufen war, wieder aus.

Mein Vater, der zeitlebens ein – eher passiver – Sport-Fan war, hatte sich den neuen Apparat geleistet, weil in diesem Sommer 1958 die Fußball-Weltmeisterschaft anstand. Vier Jahre zuvor hatten wir beim „Wunder von Bern“ noch vor dem dunkelbraunen Bakelit-Radio mit dem „Magischen Auge“ gehangen, als Reporter Herbert Zimmermann sein legendär gewordenes „Tor! Tor! Tor!“ ins Mikrophon röhrte und dem (West-) Deutschen Volk das Gefühl vermittelte: „Wir sind wieder wer!“

Die Bilder dieser Spiele in der Schweiz hatte man damals dann einige Tage später im Kino gesehen, in der „Wochenschau“.

Dieses Mal sollte es die Weltmeisterschaft nun im heimischen Wohnzimmer geben: der „Fernseher“ machte es möglich. Es wurden jedoch beileibe nicht alle Spiele übertragen. Das Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Schweden konnten wir wieder nur im Radio verfolgen – auf dem Fernsehschirm lief Brasilien – Frankreich! Die FIFA hatte es so verfügt!

So sahen wir die „Schlacht von Göteborg“ nicht, bei der sich „unser“ Juskowiak von dem Schweden Kamrin zu einem Revanchefoul hinreißen ließ und vom Platz gestellt wurde. –

Das war der Anfang vom Ende bei dieser WM, Deutschland verlor noch gegen Frankreich 3:6 und wurde Vierter, in Deutschland kam es zu Ausschreitungen gegen schwedische Touristen, in Hamburg wurden Reifen von schwedischen Autos zerstochen und die vorher so populäre „Schwedenplatte“ verschwand von den Speisekarten der Restaurants.

Bei uns blieb der „Fernseher“. Man gewöhnte sich an ihn. Mein Vater sah weiter die geliebten Sportsendungen, am Samstagabend war Hans Joachim Kuhlenkampff ein gern gesehener Gast, Sonntag Mittag kam Werner Höfer und brachte noch 5 Journalisten aus 4 Ländern mit.

Es gab ein Programm – das ZDF war noch nicht erfunden, von den vielen bunten Kanälen der Gegenwart keine Spur. Zwei Farben kannte der „Fernseher“: Schwarz und Weiß.

Über eine besondere Spezialität verfügte nur eine Freundin meiner Mutter in Österreich: vor ihrem Fernseher klebte die Farb-Fernseh-Scheibe, eine Plastikfolie, die dreifarbig gestaltet war: unten Grün (für das Gras), oben Blau (für den Himmel) und in der Mitte ein matschiges Orange für die Gesichter. Selten passten die Farben genau zum Bild, am besten noch in den Wildwest-Fernsehserien. „Am Fuß der blauen Berge“ kam doch ganz schön naturgetreu rüber. Aber mein Vater konnte sich zu dieser Nachrüstung nicht entschließen – so sahen wir nach der Rückkehr aus den Ferien wieder pures Schwarz-Weiß.

Der „Fernseher“ tat seine Pflicht zehn Jahre lang, dann wurde er von einem etwas größeren, damit auch gewichtigeren Kollegen abgelöst. Und so ging es weiter: jede Kiste war größer als die vorige, jede „Glotze“ voluminöser.

Jetzt gehören sie alle der Vergangenheit an – ihre schlanken eleganten Nachfolger vom Stamme LCD und Plasma haben ihnen längst den Rang abgelaufen. Wer jetzt sein Zimmer umräumt oder gar umzieht, freut sich darüber. Mit dem „Fernseher“ alten Schlages wäre alles noch ein bisschen beschwerlicher. Der Fortschritt ist eben doch ein Fortschritt.

PS.: Meine Kinder haben keinen Fernseher mehr

T – wie Telefonzellen

Diese Zellen hatten schon etwas gefängnishaftes an sich: eng, kalt im Winter, brütend heiß im Sommer, mit ramponiertem Inventar, oft übel riechend nach abgestandenem Urin. Kein angenehmer Aufenthaltsort, das rochen wir sogar schon in jungen Jahren.

Als Schüler benützte man diese Institutionen kaum: nach der Schule ging es erst mal nach Hause, und von dort wurden dann die Verabredungen mit Freunden und Freundinnen getroffen – am Telefon aus schwarzem Bakelit auf dem Sideboard im Wohnzimmer oder dem kleinen Nierentischchen im Flur.

Gelb waren die Telefonzellen damals in Deutschland, in England waren sie knallrot, in Österreich trugen sie ein bleiches Beige, gepaart mit einem schwarzen Dach. Ihr Innenleben war überall ziemlich gleich: der schwere metallene Kasten an der Wand, der den „Münzfernsprecher“ barg, darunter eine Ablage, ebenfalls schwer und schwer gesichert, darauf mindestens ein dickleibiges Telefonbuch, mit einer Kette gesichert.

Wollte irgendjemand diese mehrpfündigen Schwarten wirklich wegschleppen? Wir konnten es uns nicht vorstellen – bis wir in eine Telefonzelle kamen, wo das Buch fehlte. Einsam baumelte die Kette da und klapperte mit ihren Gliedern. Der Täter war längst verschwunden – was mochte er mit dem Telefonbuch gemacht haben?

In jedem Falle hieß es für uns, ein paar Straßen weiter zu ziehen bis zur nächsten Zelle! Gottseidank – das Buch war da! Doch beim Durchblättern stellte sich heraus, dass irgend jemand gerade die Seite mit dem von uns gesuchten Namen herausgerissen und mitgenommen hatte!

Die Telefon-Welt hatte sich gegen uns verschworen! Wie sollten wir die hübsche Kommilitonin, deren Namen wir erlauscht hatten, jetzt erreichen?!

Das Telefonieren in der Zelle war billig: in Deutschland konnte man für 20 Pfennige so lange telefonieren wie man wollte – natürlich keine Ferngespräche! Aber wer führte denn damals solche „long distance calls“?

In Wien war dann alles anders: hier konnte der Student für einen Schilling (ca. 14 Pfennige) telefonieren – aber nur 8 Minuten lang!

Die Zeit lief in einem kleinen Fensterchen oberhalb der Wählscheibe ab (ja, es gab nur Wählscheiben, das Tastentelefon war noch nicht erfunden), eine Art Uhrzeiger bewegte sich langsam aber unerbittlich im Halbrund von links nach rechts. War er dort angekommen, ließ ein prosaisches metallenes klacken unser süßes Gebalze abrupt verstummen. Wenn man es bis dahin nicht geschafft hatte, eine Verabredung für den Abend festzumachen, musste man eine weitere Münze investieren oder – wenn die Börse leer war – auf das ersehnte Rendezvous verzichten.

Ganz Wien war mit diesen unerbittlichen Zeitnehmern ausgerüstet – ganz Wien? Nein, an der Ecke Lainzer Straße / Gloriettegasse, ganz in der Nähe meines damaligen Quartiers, stand die etwas andere Zelle.

Hier hatten unbekannte Vandalen das Glasfensterchen vor dem unerbittlichen Zeiger mit brutaler Gewalt entfernt. Ohne größere Schwierigkeiten konnten wir mit dem Zeigefinger hineinlangen und den Zeiger festhalten. Die Zeit blieb stehen!

Nun konnten wir unbegrenzt in den Hörer raunen und unser Bestes geben, um die Angebetete zu einem Rendezvous zu überreden.

Sehr viel schwieriger war das Telefonieren im quasi täglich frequentierten Café Hawelka. Auch hier gab es eine öffentliche Telefonzelle, und das kleine Fensterchen vor dem Zeiger war natürlich nicht kaputt – das hätte die resolute Frau Hawelka niemals zugelassen.

Es war nicht leicht, hier ein Telefonat zu führen, denn die Zelle war praktisch durchgehend besetzt. Autoren verhandelten da mit ihren Verlegern, Maler mit ihren Galeristen, Lebedamen lockten telefonisch Galane an, Adelige verpfändeten fernmündlich ihr letztes Grundstück im Burgenland – das ganze Leben der frühen 60er Jahre fand in der Telefonzelle im Café Hawelka statt.

Wir lauerten geduldig bei einem kleinen Braunen und vielen Gläsern Wasser, bis das Gespräch da drinnen zu Ende war, der Telefonierer erhobenen Hauptes, echauffiert oder zerknickt zum Vorschein kam. Ein rascher Blick in die Runde: nein, niemand stand näher an dem ersehnten Platz am Telefon, wir standen auf – da klingelte das Telefon!

Man konnte im Café Hawelka nämlich nicht nur selbst telefonieren, man konnte auch angerufen werden! Kaum läutete das Telefon, stürzte die Chefin durch den Raum, hob ab und rief laut durch das Lokal: „Herr Wolkenstein, bitte!“

Gemächlich erhob sich der Ausgerufene von seinem Platz am Stammtisch, schritt bedächtig durch das Kaffeehaus und verschwand in der Telefonzelle – für unendlich lange Zeit.

Der Kampf um den schwarzen Hörer in der Zelle konnte sich lange hinziehen. Wenn wir dann endlich unseren Schilling einwerfen konnten, war die ersehnte Person am anderen Ende der Leitung vielleicht schon ausgegangen, verschollen irgendwo in der Dämmerung der Großstadt, mit irgendeinem Konkurrenten vermutlich!

Keine Frage: unser Liebesleben hätte viel erfüllter sein können, wenn wir damals schon ein Handy gehabt hätten!

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