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1900

Es klingelt, knallt und pufft, das Neue, das Zwanzigste Jahrhundert, das zu Unrecht am 1. Januar 1900 angeschossen wird! Zu Unrecht? Nun ja, es gab eben kein Jahr Null damals, als das liebe Jesulein in der Krippe lag – die Zeit nach Christi Geburt beginnt natürlich mit dem Jahre 1 – und hundert Jahre später das nächste Jahrhundert? Mit dem Jahre 101 – usw. bis zum Jahre …

Doch im Jahre 1900 waren die Berliner einfach nicht zu halten! Angeheiterte Akademiker lassen es sich nicht nehmen, das neue Jahrhundert mit „Zylindereinschlagen“, einem alten Studentenulk zu begrüßen.

Und wie es sich für einen preußischen Neujahrsmorgen gehört: Festgottesdienst für das Gardecorps im Zeughaus, Militärspektakel und große Auffahrt des Hofes.

S.M. Kaiser Wilhelm II. findet es großartig, dass er sein Volk hineinführen darf in das, was kommt: „Der erste Tag des neuen Jahrhunderts sieht Unsere Armee, d.h. Unser Volk in Waffen, um seine Feldzeichen geschart, vor dem Herrn der Heerscharen knien …“

(Meinte er nun sich damit oder den lieben Gott? Manchmal kriegte Willi schon einiges durcheinander!)

Endlich ein neues Jahrhundert, ein ganz fortschrittliches, in dem es unentwegt aufwärts gehen sollte: mit dem Fortschritt, mit der Wirtschaft, mit der Arbeiterbewegung, mit der Rüstung – natürlich auch mit der! Noch nie lagen so große, schöne Waffen in den Schaufenstern der Konzerne Krupp & Co.

Am 1. Januar 1900 liegt über der deutschen Hauptstadt Berlin dichter Nebel. Und auch der Kaiser, Willem Zwo, ist wohl noch ziemlich benebelt von der Silvesterparty, als er aus dem Schlossfenster schaut und draußen das Neue Jahrhundert entdeckt, wo wie es der österreichische Robert Hamerling (1830 – 1889) herbeigesehnt hatte:

Dich, du Zwanzigstes nach Christi,

waffenklirrend und bewundert,

wird die Zukunft einst dich nennen:

das germanische Jahrhundert?

Da ist der Berliner Starkritiker Alfred Kerr (1867 – 1948), der Reich-Ranicki seiner Zeit, etwas skeptischer – vielleicht gescheiter, weil jüdischer Abstammung?

„Am ersten Tag des 20. Jahrhunderts lag in der deutschen Hauptstadt ein dermaßen dichter Nebel um die zahllosen Kirchen herum, dass man nicht zehn Schritt weit sehen konnte. Alle feineren Köpfe, soweit sie sich ausgeruht hatten, erwogen, ob in diesem Nebel nicht eine Vorbedeutung zu suchen sei, “ mutmaßte er, ohne zu ahnen, was für eine Vorbedeutung das wohl sein könnte.

Kaiser Wilhelm der Zweite hatte da genau so wenig Zweifel an sich und der Welt wie hundert Jahre später George Bush der Zweite.

Ist ein seltsamer Zufall oder die Ironie der Geschichte: Zu Beginn und am Ende des 20. Jahrhunderts standen jeweils völlig überforderte epigonale Halbdeppen an der Spitze ihrer Völker: Deutschlands Kaiser Wilhelm II. und George Bush II.

Wilhelm war durch allerhand Zufälle an die Spitze des Deutschen Reichs gekommen. Sein Großvater Wilhelm I. hatte mit Hilfe des recht genialen Kanzlers Bismarck den ziemlich abgedrehten Bayernkönig Ludwig II. bestechen können. Damit er seine wahnwitzigen Marzipanschlösser weiter bauen konnte, stimmte der Bajuware zu, dass die Preußen unter dem ersten Wilhelm und dem „Eisernen“ Kanzler nach ihrem Willen das „Reich“ gestalten konnten, die „kleindeutsche“ Lösung ohne die Habsburger in Wien.

Im Gegensatz zu dem kultivierten Österreich-ungarischen Hof waren die Preußen eine nach wie vor ziemlich ungebildete Bande von Hohenzollern, die sich einige Jahrhunderte zuvor in das unwirtliche Land hinter der Elbe begeben hatte, um die winzigen Dörfer Berlin und Neu-Cölln zu einer recht hässlichen und kulturfreien Hauptstadt auszubauen.

Die Kaiserkrone, die durch das Eingreifen des ersten Napoleon zu Beginn des 19. Jahrhunderts nun nicht mehr über dem Römischen Reich deutscher Nation thronte, sondern seit 1806 das Haupt der katholischen Majestät Österreich-Ungarns zierte, war 1871 für den Sieger im deutsch-französischen Krieg nicht verfügbar, es musste eine neue für Kaiser Wilhelm I. geschmiedet werden.

In die reguläre Thronfolge der Preußen riss der frühe Tod des 99-Tage-Kaisers Friedrich III. ein folgenschweres Loch: statt dieses durchaus gebildeten liberalen Mannes kam ein obergäriger Stiesel auf den Thron des deutschen Reichs, der schleunigst den alten Reichskanzler Bismarck entließ und sich mit einer Kamarilla von mittelmäßig begabten Speichelleckern umgab.

Neigte Wilhelm II. schon früh zur Selbstüberschätzung, wurde diese Neigung im Laufe seiner Karriere von den Menschen in seiner Umgebung leider immer weiter bestärkt.

Auf der Suche nach dem rechten Feindbild, nach Untermenschen, denen man „deutsche Art und deutsches Wesen“ einmal so richtig einbläuen konnte, kam ihm im Jahre 1900 – als das Jahrhundert begann, mit dem wir uns gerade beschäftigen wollen – ein chinesischer Geheimbund gerade recht, der sich die „Boxer“ nannte.

Diese „Terroristen“, wie man sie heute nennen würde, hatten sich im Kampf gegen die schleichende Okkupierung Chinas durch die weißen Kolonialmächte zu einer Geheimorganisation zusammengeschlossen, die sich „Ta-tau-hui oder “Gesellschaft der großen Messer” nannte. Auf Grund eines sprachlichen Missverständnisses wurden aus den Messer-Männern im Englischen “Boxer”.

Irrationaler Fremdenhass einerseits und berechtigte Gegnerschaft gegenüber den Besatzungstruppen in ihrem eigenen Land waren die Motive dieser Bewegung.

Als sie im Laufe des Jahres 1900 immer häufiger zu offener Gewalt griffen, wurde im Verlauf des sog. „Boxeraufstands“ u. a. der deutsche Gesandte Freiherr von Ketteler am 18. Juni 1900 auf offener Straße ermordet.

Die Weltmacht Deutschland kam im Jahre 1900 dann leider zu spät in China an.

Die „55 Tage von Peking“ waren schon vorbei, die aufständischen Chinesen-Boxer hatten das Handtuch geworfen und waren von den übrigen Alliierten schon adäquat massakriert worden.

Als das deutsche Expeditions-Korps schließlich auch noch mit großer Verspätung in China eintrifft, befindet sich u.a. auch der fünfzehnjährige Erich Rudolf Otto Rosenthal, Sohn des jüdischen Clowns Süßmilch, an Bord. Er sollte in diesem Jahrhundert unter dem Namen Billy Jenkins berühmt werden.

Ihr Oberkommandierender Graf Waldersee holte sich noch schnell die Syphilis, und dann ging es wieder heim nach Bremerhaven, wo ihr Kaiser und Oberster Kriegsheer seine berüchtigte „Hunnenrede“ gehalten hatte.

Die erste Reaktion des Kaisers nach der Ermordung des deutschen Gesandten hatte sich schon recht krass angehört:

„Der deutsche Gesandte wird durch meine Truppen gerächt. Peking muss rasiert werden … Es ist der Kampf Asiens gegen das ganze Europa!“

Höhepunkt der kaiserlichen Empörung war dann bei der Einschiffung des deutschen Chinakorps in Bremerhaven am 27.7. 1900 die sog. „Hunnenrede“.

Aus ihr klingt der gleiche verbaselte Größenwahn wie bei George Bush II.:

„Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht. … Wer Euch in die Hände fällt, sei Euch verfallen! Wie vor 1000 Jahren die Hunnen unter König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutscher in China durch Euch in einer Weise bestätigt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagen wird, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen. Adieu, Kameraden!“

Jubel aller Orten, denn natürlich gab es auch damals Journalisten wie den ZEIT-Chef Josef Joffe, der heute natürlich nichts mehr von seiner Kriegshetze vor dem glorreichen Irak-Krieg George W. Bushs wissen will.

Sein Kollege im strammen Geiste setzte 1900 im „Kleinen Journal“ die Scharfmacherei weitab vom Schuss genießerisch fort:

„Peking muss in Rauch aufgehen. Hinrichtung auf Hinrichtung muss folgen, kein Alter, kein Geschlecht darf Schonung finden … Der Ruf „ein Weißer“ muss zum Schreckensruf werden, der den Eingeborenen Chinas in Zukunft vor Angst erstarren lassen wird.“

So machte sich damals das „kultivierte“ Europa in aller Welt beliebt – und ein wenig davon kriegen wir jetzt wieder zurück!

So sah der Boxeraufstand in einem Comic-„Tatsachenbericht“ in den Fünfziger Jahren aus!

Am 24. Mai 1900:

In Peking wird getanzt.

Die europäischen Diplomaten feiern den 81. Geburtstag der ewig regierenden Queen Victoria in der britischen Gesandtschaft. Chinesen sind nicht gern gesehen – das Abendland möchte unter sich bleiben.

Nur die Papierlampions sind chinesisch, unter denen man auf dem Tennisplatz der Gesandtschaft tanzt.

Kapellmeister Harvey Doodle verteilt neue Noten, die er eben aus dem fernen Europa bekommen hat: „Castles in the Moon“.

„Strange stuff,“ knurrt der Tubaspieler Edward G. Robinson in der letzten Reihe der Band.

Der deutsche Gesandte Klemens Freiherr von Ketteler summt die Melodie mit und schwingt das Tanzbein – sowie seine Partnerin, die entzückende Holländerin Margaretha Geertruida Zelle..

„Gnädige Frau sehen entzückend gleich!“

„Oh – Exzellenz schmeicheln gerade so wie das Lampionlicht hier!“

„Und wie Sie tanzen … einfach göttlich!“

„Ja, wissen Sie, ich mache das fast beruflich …!“

„Ach!“

(Für Uneingeweihte: die Tänzerin Margaretha Geertruida Zelle, später verehelichte MacLeod, wurde während des 1. Weltkriegs als „Mata Hari“ bekannt – und am 15.10.1917 in Vincennes hingerichtet. Davon ahnte natürlich keiner der Beteiligten an diesem Abend in Peking etwas!)

Plötzlich steht eine hohe, schlanke Gestalt zwischen den Tanzenden, ein Chinese in traditioneller Tracht mit einem langen, schnurartigen Schnurrbart, dessen Enden ihm fast bis zur Brust herab hängen. Sein Schädel ist kahl geschoren, und seine schmalen, katzengrünen Augen blitzen höhnisch, als er die tanzenden Europäer um sich herum betrachtet.

Sir Claude MacDonald, der Gastgeber im traditionellen Schottenrock, knurrt leise, aber deutlich empört: „Schafft diese gelbe Kreatur sofort hinaus!“

Doch die heran eilenden Botschaftsangehörigen stoppt eine herrische Handbewegung des hochgewachsenen Chinesen.

„Zulück, Ihl Langnasen!“

(Wir unterlassen ab hier die für Chinesen typische, für den abendländischen Leser aber etwas anstrengende L-Lautschrift.)


„Was ich zu sagen habe, dauert nicht lang! Ihr habt dem Reich der Mitte nun über sechs Jahrzehnte Pachtverträge zu unserem Nachteil aufgezwungen und Konzessionen abgerungen, Ihr habt ganze Gebiete abgetrennt und Häfen weggenommen, Ihr habt den Drachenthron gedemütigt und unser Land unter Euch aufgeteilt.

Hinter den Mauern der Verbotenen Stadt regiert eine kleine, rücksichtslose und ehrgeizige Frau, eine ehemalige Konkubine Dritten Grades. Diese Unwürdige, beschützt von Dutzenden von Beschnittenen, gehorcht seit heute meinem Befehl.

Meine „Geistersoldaten“ werden Euch und alle Kreuzanbeter in diesem Lande austilgen!

Ihr seid die Fische in unserer Schmorpfanne!“

„Mein Gott – wer ist das?“ wendet sich die junge Holländerin an den Gesandten von Ketteler.

„Man kann diese Gelben ja kaum auseinander halten,“ antwortet ihr Tanzpartner, „aber den kenne ich. Er ist ein Arzt – oder was die Chinesen darunter verstehen – und er behandelt den Neffen der Kaiserin, den sie – wie Sie vielleicht wissen – seit zwei Jahren gefangen hält. Sein Name ist Dr. Fu Man Chu!“

Kaum hat Ketteler den Namen des Chinesen ausgesprochen, ist der in der Menge der umstehenden Diplomaten verschwunden.

Aufgeregt plappern die Partygäste wieder los, und die Kapelle intoniert eine neue Melodie.

Ketteler schüttelt den Kopf.

„Na sowas! Das muß ich unbedingt Nayland Smith erzählen …!“

Eine Bewegung wie ein kalter Windhauch – unsichtbar in seinem Rücken – läßt den Gesandten erschauern.

„Was war das?“

Doch seine Tanzpartnerin antwortet nicht. Sie ist verschwunden. Im Laufe des ganzen Abends sucht der deutsche Gesandte nach ihr – doch er findet sie nirgendwo unter den Papierlampions wieder …!

Ketteler verfaßt noch in derselben Nacht eine Depesche an seinen britischen Freund Nayland Smith in Burma; Sir Claude grübelt eine Nacht und vier Tage lang – dann bittet er um alliierte Hilfe.

Vor der Mündung des Flusses Pei-Ho, rund 170 km entfernt von Peking, liegen siebzehn Kriegsschiffe vor Anker. Am 31. Mai gehen 337 blaue Jungs von Bord und treffen abends mit dem Zug in der chinesischen Hauptstadt ein. Die Deutschen und Österreicher schaffen es nicht so schnell – sie kommen ein paar Tage später.

Zu spät – denn auf den Straßen Pekings werden schon die ersten chinesische Christen geröstet, der japanische Botschaftskanzler Sugijama verliert in Frack und Bowler auf offener Straße Kopf und Herz durch einen spontanen chirurgischen Eingriff eines „Boxers“ – und so geht’s weiter: „Frauen und Kinder werden in Stücke gehackt, Männer wie Geflügel gestopft, Nasen und Ohren abgeschnitten und Augen ausgestochen“ berichtet die Londoner TIMES daheim; ihren Lesern läuft es eiskalt den Rücken hinunter.

Am Morgen des 20. Juni geht Klemens Freiherrn von Ketteler zur Poststation, um sich zu erkundigen, ob eine Antwort seines Freundes Nayland Smith angekommen ist. Ketteler kommt selbst nicht an, es geht ihm an den weißen Kragen: ein chinesischer Soldat nietet ihn auf offener Straße um.

Die „55 Tage von Peking“ beginnen, und Deutschlands kaiserlicher Willi gerät ernstlich in Rage: „Der deutsche Gesandte wird durch meine Truppen gerächt. Peking muß rasiert werden … Es ist der Kampf Asiens gegen das ganze Europa!“

Die Asiaten bestürmen das Ausländerviertel Pekings, in dem sich Botschaftsangehörige und chinesische Christen verschanzen, die Belagerten verzehren als Notration die 150 Rennpferde, die eigentlich um den „Großen Preis von China“ laufen sollen.

So überleben sie das „Peking-Massaker“, das in Europa bereits fälschlich gemeldet wird.

Sogar Karl Kraus fällt in der „Fackel“ auf diese Tatarenmeldung herein: „Sie sind nach heldenmütiger Verteidigung gefallen, die Gesandten in Peking; die als Diplomaten lebten, starben als Krieger: nach einem schönen Leben ein schöner Tod.“ – und korrigiert die Falschmeldung nie.

Als Willi davon hört, was da in Peking geschehen sein soll, tobt er weiter – bis zur legendären „Hunnenrede“ im nieseligen Bremerhaven:

„Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht. … Wer Euch in die Hände fällt, sei Euch verfallen! Wie vor 1000 Jahren die Hunnen unter König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China durch Euch in einer Weise bestätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagen wird, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen. Adieu, Kameraden!“

Da wollen die österreichischen Verbündeten nicht abseits stehen: „Peking muß in Rauch aufgehen. Hinrichtung auf Hinrichtung muß folgen, kein Alter, kein Geschlecht darf Schonung finden … Der Ruf „ein Weißer“ muß zum Schreckensruf werden, der den Eingeborenen Chinas in Zukunft vor Angst erstarren lassen wird.“

Aber leider ist es den österreich-ungarischen Marinekameraden nicht vergönnt, „die glorreiche Flagge unserer Kriegsmarine in mehreren Häfen des himmlischen Reiches zu entfalten“, den der Weg ist doch ein bisserl weit für die DDSG.

Die britische und japanische Truppen sind es, die endlich in Peking eindringen, die Kaiserin flieht – ebenso wie drei Viertel der chinesischen Bevölkerung, die „Boxer“ gibt es mit einem Mal gar nicht mehr, und auch von dem hochgewachsenen Dr. Fu Man Chu ist nichts mehr zu sehen.

Nur die Gattin des britischen Gesandten, Lady MacDonald, streift durch die verlassenen Stadt und „widmet sich höchst ernsthaft der Plünderung“, wie in britischer Offizier nach Hause schreibt.

Das hat er nun davon, der Chinese!

Das Jahrhundert hat schlecht für ihn angefangen – aber wahrscheinlich lag’s daran, daß es für ihn ja gar kein Jahrhundertwechsel war!

Er hat gar nicht gemerkt, in was für einem historischen Jahr er da seinen Boxeraufstand anzettelt!

Und dafür wird er ordentlich abgestraft.

Nicht zuletzt durch die Entsendung des „Weltmarschalls“ Graf Waldersee, der allerdings erst in China eintrifft, als alles schon vorbei ist.

Mitte Oktober: im Stechschritt ziehen die deutschen Soldaten mit breitkrempigen Hüten in Peking ein. Vorne weg der „Weltmarschall – mit Schwarzem Adlerorden und Marschallstab!

„Natürlich war dies zunächst für den Kaiser eine große Enttäuschung. Er hatte sich fest in den Kopf gesetzt, die Gesandten mitsamt ihrem Personal seien längst ermordet; nach meiner Ankunft sollte der gemeinsame Vormarsch auf Peking unter meinem Oberbefehl beginnen und mir der Ruhm zuteil werden, Peking erobert zu haben.“ – klagt er, zieht in den verlassenen Palast der Kaiserin – und läßt seine Soldaten zügig losplündern.

Schließlich hat ihnen der Kaiser „in seiner Abschiedsansprache gesagt, sie sollten sich so verhalten. Sie befolgen nur seinen Befehl“ – kommentiert ein britischer Offizier die neuen Ausschreitungen.

Als der „Weltmarschall“ im Juni 1901 wieder abzieht, hinterläßt er eine chinesische Geliebte, bringt dafür eine Darmkrankheit mit, an der er drei Jahre später – immerhin zweiundsiebzigjährig – verstirbt.

Im Jahre 1900 schwebten die daheim gebliebenen Berliner unterdessen übers Tanzparkett und summten mit Paul Lincke und „Frau Luna“:

Schlösser, die im Monde liegen,

bringen Kummer, lieber Schatz.

Bleib doch unten, brauchst nicht fliegen,

hast auf Erden deinen Platz!

In Prag sah es der Dichter Paul Leppin etwas drastischer:

Ach, das Schweinefleisch wird teuer,

Und der Frühling ist gekommen.

Viele Bürger haben heuer

Schon das erste Bad genommen.

Und im Mondschein im verschmierten,

wibbeln, wabbeln alle Kanten.

Bei dem Denkmal Karls des Vierten

Sammeln sich die Buseranten.

Und die Mädchen ohne Mieder,

die so plastisch im Detail sind,

kommen auf die Straßen nieder,

weil sie wissen, wie wir geil sind.

Und die Menschen sind meschügge,

Und die Hoffnung ist ihr Anker.

Mancher wird beizeiten flügge,

mancher erst beim zweiten Schanker.



Was Billy Jenkins im „Wilden Westen“ erlebte, konnten die deutschen Leser bereits im Jahre 1931 (4 Abenteuer), in aller Ausführlichkeit dann ab 1949 nachvollziehen. Vier Jahre nach dem 2. Weltkrieg erschienen die legendären stahlblauen Hefte zum ersten Mal. Held Billy, ab Heft 1 immer „Die Hand am Colt“ war neben dem altväterlichen Old Shatterhand einer der treuesten Führer durch das Wunderland der Prärie. 1963 endete Billys Heftkarriere mit dem Band 370 „Sein letzter Bluff“. Der wirkliche Billy Jenkins lag da schon fast zehn Jahre auf dem Friedhof Melaten in Köln. Er war am 21. Januar 1954 gestorben.


Nicht umsonst wurde um Jahre 1900 die erste Rolltreppe in Betrieb genommen – in Paris anlässlich der Weltausstellung!

Vielleicht ist es kein Zufall, dass an der nächsten Jahrhundertwende wieder ein Regierender mit nicht sonderlich ausgeprägtem Intelligenzquotienten ebenfalls eine weitab hausende Gruppe von Fremdlingen zum Feind wählte, um seinen „Eintrag ins Buch der Geschichte“ recht nachdrücklich zu gestalten. Was bei Wilhelm II. die „gelbe Gefahr“ war, vor der er die Welt ungefragt warnen zu müssen glaubte, ist für George Bush II. die „Achse des Bösen“.

Man bemerke den Hang dieser beiden Weltstaatsmänner zu griffigen Wortgebilden, die sich gut vermarkten lassen, weil sie nichts bedeuten. Beide legen sich mit eher unbedeutenden Geheimbünden an (die „Boxer“ bzw. „Al Kaida“) und sind sich darin einig, dass eine hochgerüstete Nation mit Weltmachtanspruch solch nickelige Gegner glatt an die Wand quetschen kann.

BILD 1: „55 Days in Peking“

(USA 1962, Regie: Nicholas Ray, mit: Charlton Heston, Ava Gardner, David Niven und viel Trara in einem Monumentalfilm, der ab 20.9. 1963 auch in D zu sehen war.)

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