1905
Kaiser Wilhelm kann gar nicht auf Richard Straussens „Salome“ („Strauss is’ne Schlange, die ick mir an meinem Busen jenährt habe!“) und fährt lieber nach Tanger – was ein Jahr später prompt zur 1. Marokkokrise führt.
In Wien liest man heimlich Sigmund Freuds „3 Abhandlungen zur Sexualtheorie“, die Franz Lehars „Lustige Witwe“ in der Praxis ausprobiert.
Die Deutschen kriegen haufenweise Nobelpreise (Physik, Chemie und Medizin), gründen die MITROPA, an der wir noch lange zu kauen haben werden, und lassen Autobusse durch Berlin kreisen.
Die Damen legen das Korsett ab („Ah!“) und genehmigen sich auch in Europa schon mal einen Cocktail („Aaah!“)
Ein revolutionäres Jahr: große Aufregung im Zarenreich und im Unterleib!
Proletarische und sexuelle Revolutionen bringen Unruhe ins 20. Jahrhundert.
Beim Petersburger Blutsonntag am 22. Januar lösen Soldaten eine friedliche Demonstration von weit mehr als 30.000 Menschen brutal auf, revolutionäre Unruhen sind die Folge. Streiks, Meuterei, Morde an Grundbesitzern und Industriellen sind – wie man so sagt - an der Tagesordnung.
Ein Generalstreik der sozialistisch organisierten Arbeiter legt das öffentliche Leben lahm, um den Zaren zu zwingen, Zugeständnisse zu machen.
Am 27. Juni meutern auf dem Panzerkreuzer „Potemkin“ die Matrosen und bekennen sich durch das Hissen der roten Fahne zum Kommunismus – man kennt die Szenen aus dem Film von Sergej Eisenstein. Weiter geht es am 8. November mit der Matrosenrevolte in Kronstadt – alles führt schließlich zur Oktoberrevolution 1917!
Doch 1905 werden noch alle Revolutionen und Aufstände von den Kräften der Reaktion nach Kräften nieder gemacht – auch in Deutsch-Südwest geht es den Hereros- und Hottentotten jetzt brutal an den Kragen!
PFLICHT und GESETZ
Der Philosoph: „Wenn jeder täte seine Pflicht, dann bräuchte man Gesetze nicht!“
Der Jurist: „Und hätten wir Gesetze nicht, wie wüten wir, was uns’re Pflicht?“
Der Politiker: „Geht, laßt doch einmal das Geschwätz! Wenn kümmern Pflicht oder Gesetz?!“
(Daniel Spitzer in der Fackel 176 / 1905)
Die sexuelle Revolution braucht auch noch ein paar Jahre – aber das Flämmchen beginnt zu glühen: Sigmund Freud veröffentlicht seine “Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie” die Franz Lehars „Lustige Witwe“ in der Praxis ausprobiert.
„Professor Unrat“, Heinrich Manns Vorlage zu dem Film „Der blaue Engel“ erscheint, und die Damen in Europa legen peu à pau das Korsett ab („Ah!“) und genehmigen sich auch schon mal einen Cocktail („Aaah!“)
Christian Morgenstern weiß, wovon er in Ernst von Wolzogens “Überbrettl“ singt:
„Das Fest des Wüstlings“
Was stört so schrill die stille Nacht?
Was sprüht der Lichter Lüsterpracht?
Das ist das Fest des Wüstlings!
Was huscht und hascht und weint und lacht?
Was cymbelt gell? Was flüstert sacht?
Das ist das Fest des Wüstlings!
Die Pracht der Nacht ist jach entfacht!
Die Tugend stirbt, das Laster lacht!
Das ist das Fest des Wüstlings!

„Salome“ à la Aubrey Beardsley
Die Oper „Salome“ von Richard Strauss hat es gar nicht leicht uraufgeführt zu werden - New York und Chicago verboten das Werk, in Wien verhinderten Kardinal Piffl und Erzherzogin Marie Valerie die Aufführung. Aus Bayreuth meldete sich Cosima mit den strengen Worten: „Nichtiger Unfug, vermählt mit Unzucht!“ So kommt die sächsische Hauptstadt Dresden zum Zuge.
In Preußen hätte Kaiser Wilhelm II. auf die “Salome” seines Hofkapellmeisters Richard Strauß ebenfalls am liebsten verzichtet: “Det is keene Musik für Mich, Strauß is ‘ne Schlange, die ick mir an meinem Busen jenährt habe.”
Und es war auch nicht so einfach, dieses Werk zu besetzen: „Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Abend“ - so fängt die Strauss-Oper textlich an und stellt damit hohe Anforderungen. Die Sängerin muss nicht nur eine erstklassige Sopranstimme haben, sie muss auch eine begabte Schauspielerin sein, und - sie muss den Tanz der sieben Schleier tanzen können und nach dem Ablegen des letzten Voiles auch noch schön sein!
Die „Salome“ der Uraufführung erfüllte von all diesen Voraussetzungen nur eine: Sie war Sopranistin. Richard Strauss hatte schon bei Probenbeginn kritisch vermerkt: „Die Wittich ist steif und matronenhaft, und sie hat sich einen tüchtigen Bauch hergemästet. Die Stimme ist eins A, alles andere ist Bauch.“
Frau Wittich registrierte schließlich selbst, dass ihr Schleiertanz eher unfreiwillig komisch als erotisch wirken könnte, und erklärte eines Tages, was sie da tun und zeigen sollte, sei ihr zu unzüchtig, und fügte mit einem unfreiwilligen Lehar-Zitat hinzu, sie sei schließlich eine anständige Frau.
Dirigent Ernst von Schuch und Komponist Richard Strauss gaben ihr erleichtert sofort Recht und beschlossen spontan, den Tanz der sieben Schleier von einer Ballerina tanzen zu lassen. Die muss deutlich fescher gewesen sein, denn die „Salome“-Uraufführung am 9. Dezember 1905 in Dresden wurde aber nicht zum Reinfall, sondern zur begeistert akklamierten Sensation.
Und zwei Tage später?
Am 11. Dezember 1905 erklärt der sächsische König Friedrich August III. „Radeberger“ Pilsener per Dekret zum Tafelgetränk seiner Majestät.
Na, denn Prost, königliche Hoheit!
Wir gratulieren zum Geburtstag:
* 21.1. Christian Dior (Modeschöpfer)
* 16.5. Henry Fonda (Schauspieler)
* 18.9. Greta Garbo (Schauspielerin) (?)
In der Leichenhalle begrüßen wir:
+ 24.3. Jules Verne (Schriftsteller)
Als Hits des Jahres erklingen:
„Bis früh um fünfe“
„Goethe & das Kino“
Der „Ballsirenen Walzer“
„Heimlich, still und leise kommt die Liebe“ (Paul Lincke) aus „Im Reiche des Indra“
„Da geh ich ins Maxim“
„Ich bin eine anständ’ge Frau“
„Ja, das Studium der Weiber ist schwer“
„Lippen schweigen“
Das „Vilja Lied“
(alle aus der „Lustigen Witwe“)
Was die Helden taten
In Dresden war damals wirklich was los! Im Jahr 1905 gelingt dem Dresdner Verleger Adolf Eichner der große Wurf - er kaufte nicht nur die Rechte der amerikanischen Serie Buffalo Bill, sondern kurz darauf auch die an Nick Carter, der zu einem der erfolgreichsten Serienhelden überhaupt werden sollte.
(„Es ist uns gelungen, unter schweren Opfern als einzig Berechtigter die Erlaubnis zur Übersetzung und Verbreitung der BUFFALO-BILL-Erzählungen in Deutschland und Österreich zu erwerben.“)

Damit beginnt das Zeitalter der Heftromane mit gleich bleibendem Serienhelden. „Buffalo Bill - der Held des Wilden Westens“ (1905 - 1914 425 Hefte in D)
William Cody alias BUFFALO BILL selbst hatte zwischen 1895 und 1905 während seiner Europatourneen dreimal Deutschland besucht. Ein wahres Buffalo-Bill-Fieber war ausgebrochen. 1899 erschien „Buffalo Bills Wilder Westen – Sitten und Gebräuche der Indianer und amerikanischer Hinterwäldler mit Anschluss an Buffalo Bill’s Vorführungen in Europa“ – ein Programmheft für die Show.
Und – last not least – trug Billy Wilder seinen modischen Vornamen davon, weil seine Mutter begeisterter Buffalo-Bill-Fan war!
Die Sehnsucht des Arbeiters nach Reichtum, des Bürgerkindes nach Allmacht, der Dienstmagd nach “wahrer Liebe”, wurden in der Identifikation mit den Romanfiguren erfüllt. Auch die latenten subversiven Tendenzen, die unterdrückten aber doch populären Bedürfnisse aus der reglementierten Welt der „guten alten Zeit“ auszubrechen, alles kurz und klein zu schlagen, es ihnen allen zu zeigen, mögen eine Rolle gespielt haben. Wenn Nick Carter sich seinen Weg der Gerechtigkeit durch die Menge schoss und prügelte, bedeutete das für die Millionen, die bewusst oder unbewusst phantasierten, dasselbe ihren Vorgesetzten, Herrschaften oder Lehrern anzutun, eine tiefe Befriedigung, die das Leben ihnen versagte.
(Wer hier Parallelen zum „Unterschichtsfernsehen“ unserer Tage zu entdecken glaubt, liegt wohl nicht ganz falsch. Wieder sind es geschickte Kaufleute, die diktieren, was das „Volk“ zu seinem Glück braucht – früher in Form von bunten Heftchen, heute vor der „Glotze“. Nicht zufällig hat der frühere BAVARIA-Chef Thilo Kleine seinen Producern Stapel von Schundheften zur Lektüre überreicht, um ihre Kreativität in Sachen Serien-Produktion zu stärken.)
Bertolt Brecht hat auf ähnliche Wirkungen des Kriminalromans hingewiesen:
“Es bereitet schon Genuss, Menschen handelnd zu sehen, Handlungen mit faktischen, ohne weiteres feststellbaren Folgen mitzuerleben. Die Menschen des Kriminalromans hinterlassen nicht nur Spuren in den Seelen ihrer Mitmenschen, sondern auch in ihren Körpern und auch in der Gartenerde vor dem Bibliothekszimmer. Der Mensch im wirklichen Leben findet selten, dass er Spuren hinterlässt. [...] Das Leben der atomisierten Masse und des kollektivisierten Individuums unserer Zeit verläuft spurenlos. Hier bietet der Kriminalroman gewisse Surrogate.”

Im Weltraum ist nach wie vor allerhand los: irgendwie landen “Die ersten Menschen im Mond” (laut H.G.Wells) bzw. auf dem Mars: „Lieut. Gulliver Jones: His Vacation“. (zu Deutsch: Leutnant Gulliver Jones macht Ferien auf dem Mars von Edwin Lester Arnold (1857 – 1935) – diese Geschichte verschwand schnell wieder aus den Annalen des Jahrhunderts und wurde erst 1963 neu entdeckt und als „Gulliver of Mars“ bei ACE Books veröffentlicht. Eine COMIC-Version erschien bei MARVEL
„Little Nemo in Slumberland“ (Winsor McKay 1905 – 1911)
(erschien ab 15.10.1905)
Die Tochter Morpheus‘, des Königs von Slumberland, möchte sich mit dem kleinen Nemo verloben. Morpheus sendet jede Nacht einen Boten an Nemos Bett, aber es dauert allein 20 Wochen, bis Nemo überhaupt ins Reich Morpheus‘ gelangt – immer fällt er vorher aus dem Bett!
In diesem selben Jahr 1905 erschien im Eigenverlag in London der Kriminalroman eines gewissen Edgar Wallace unter dem Titel „The Four Just Men“ (Die vier Gerechten). Das Buch hatte einen großen Publikumserfolg, für den Autor wurde es jedoch ein finanzielles Desaster.
Er hatte nämlich jedem, der die Lösung des Buches erraten würde, einen Preis in Höhe von 500 Pfund versprochen, für damalige Zeiten eine ungeheure Summe. Zu viele seiner Leser errieten das Ende des Romans, und Wallace war damit selbst finanziell am Ende. Immer wieder sollte dem Erfolgsautor seine Spiel- und Wettleidenschaft Unsummen entreißen, die er mit seinen Kriminalromanen verdient hatte.
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7. Kapitel: Kharis Ma – der Fluch der Mumie
Wenn man später Jonathan Harker nach seinen Erlebnissen in Transsylvanien befragte, erschien es ihm selbst kaum noch glaubhaft, wie viele verschiedene unheimliche Wesen er in dieser kurzen Zeit getroffen hatte, die allesamt nichts anderes im Schilde führten als seine Braut Bianca Torturata zu entführen.
Ihm selbst war im Einzelnen keineswegs klar, welche Faszination es war, die Bianca gerade auf Monster ausübte. Zwar waren ihre äußeren Vorzüge für jeden überaus deutlich zu erkennen: ihr dunkles wallendes Haar, ihre strahlenden lockenden Augen, ihr kirschförmiger feuchter Mund, ihr vorbildlich gebogener Nacken und ihre hohe prallen Brüste mussten jeden normalen Mann – und gewiss auch so manche Lesbierin – nicht ungerührt lassen, von den Linien ihrer Hüften ganz zu schweigen.
Jonathan konnte nicht sagen, welches Monster ihm selbst als das schrecklichste erschienen war – den übelsten Geruch verbreitete jedenfalls die uralte Mumie, die aus dem Sarkophag im Keller der Friedhofsgruft von Zborsk geklettert war, nachdem der treue Iwan die Plage der Zombies mit seinen Salzstangerln beseitigt hatte.
„Schon wieder so ein Ungeheuer!“ stöhnte der junge Harker, als die verwickelte Gestalt den mumifizierten Kopf drehte, und ihre tief in den Höhlen liegenden brennenden Augen Bianca Torturata fixierten.
„Ananka – meine Geliebte!“ dröhnte die Stimme der Mumie durch den unterirdischen Raum, so laut, dass sogar Iwan seine tote Geliebte Daliah aus den Armen sinken ließ.
„Das aber kein Zombie!“ bemerkte er und griff gar nicht erst nach dem Salzgebäck, das er zur Bekämpfung der Zombies benutzt hatte.
„Nein, Iwan!“ bestätigte der neben ihm stehende Professor van Helsing. „Das ist mit ziemlicher Sicherheit eine Mumie!“
„Ananka!“ wankte die vermummte Gestalt auf Bianca zu, die sich suchend umschaute.
„Meint er etwa mich?“ fragte sie voll Entsetzen.
„So erfüllt sich nach Jahrtauensenden unsere Liebe – Ananka – kumm’, kumm’ mit mir ….!“
Schon streckte er seine bandagierten Arme nach der schönen Braut Jonathans aus, da warf sich der betroffene Bräutigam ihm entgegen.
„Das kommt gar nicht in Frage! Ich werde - !“
Doch die Mumie unterbrach ihn mit einem furchtbaren Schlag, der Harker gegen die Wand der Gruft taumeln ließ.
„Du wirst schweigen!“
Das waren die letzten Worte, die Jonathan vernahm, bevor eine schwarze Ohnmacht ihn umfing.
Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem Boden des unterirdischen Grabes, und Van Helsing und Iwan knieten neben ihm.
„Wo bin ich? – Und – wo ist Bianca?“ stammelte Jonathan und versuchte sich aufzurichten.
„Fort – leider!“ antwortete der Professor mit einem knappen bedauernden Schulterzucken.
„Sogar Iwan war machtlos gegen Mumie, junger Herr! Sehen selbst!“
Der treue Russe zeigte auf eine gewaltige Beule an der Seite seines Kopfes, die schon eine blaurote Färbung angenommen hatte.
„Iwan hat sich die Blessur zugezogen, als er versuchte, den alten Ägypter aufzuhalten!“ bestätigte Van Helsing.
„Und Bianca?“ fragte Jonathan aufgeregt. „Was ist mit ihr?“
„Mumie sie hat gepackt wie kleines Pinkel auf die Schulter und – dawai!“
Stöhnend sank der niedergeschlagene Jüngling zurück auf den Boden.
„Meine arme Bianca!“ seufzte er und schloss seine Augen. Dann riss er sie wieder auf. „Wie hat dieses Monster sie genannt?“
„Ananka!“ ließ sich Professor van Helsing vernehmen. „Sagt Ihnen dieser Name etwas, Jonathan?“
Der junge Mann schüttelte den schmerzenden Kopf.
„Ich habe ihn noch nie gehört!“
„Wie genau kennen Sie eigentlich die Vergangenheit Ihrer Braut?“
Wütend aufbrausend sprang der junge Harker auf seine Füße, die im selben Augenblick wieder unter ihm nachzugeben drohten. Wenn der starke Iwan ihn nicht unter den Achseln gestützt hätte, wäre er wieder auf den feuchten Boden der Gruft gestürzt.
„Was wollen Sie damit andeuten, Professor van Helsing?!“ herrschte er sein alten Freund und Mentor an.
„Nicht aufregen, Her Jonathan! Bitte nicht aufregen!“ versuchte Iwan ihn zu beruhigen. „Alles schon schlimm genug!“
Mit einem Mal schoss es dem jungen Harker durch den Kopf, dass Iwans Geliebte hier unten zu Tode gekommen war.
„Und Daliah?“ fragte er mit trockener Kehle.
„Wir haben sie beigesetzt – in dem Sarkophag der Mumie hat sie ihre ewige Ruhe gefunden!“
Jonathan hatte sich wieder ein wenig beruhigt und schaute zu dem altägyptisch bemalten Gegenstand hinüber, der nun die Leiche der schönen Daliah barg.
„Mein lieber Jonathan,“ versuchte es van Helsing noch einmal, „Sie haben mich, glaube ich, falsch verstanden. Ich meinte nur, ob es eventuell irgendeine Ihnen bekannte Verbindung Biancas nach Ägypten gibt.“
Jonathan dachte nach.
„Jetzt wo Sie es sagen … Ich glaube mich zu erinnern, dass Bianca einmal von einem Onkel gesprochen hat … Onkel Tonio. Er war früher einmal in Ägypten – vor einigen Jahrzehnten!“
Gespannt hörte van Helsing seinem jungen Gefährten zu.
„Wenn ich mich recht entsinne, gehörte er zu einer Expedition, die damals die Grabkammer der Pharaos Im-Po-Thep entdeckte …!“
Aufgeregt sog der Professor an seiner Pfeife und stieß gewaltige Qualmwolken aus.
„Sehr interessant! Das könnte natürlich einiges erklären!“
Bevor er zu einer seiner üblichen wortgewaltigen Erklärungen ansetzen konnte, drang eine unheimliche Stimme durch das unterirdische Gewölbe, von der keiner der Drei auf Anhieb sagen konnte, woher sie kam.
„Die Rache des Pharao wird schrecklich sein und fürchterlich, wenn sich das Schicksal derer erfüllt, die seine ewige Ruhe gestört haben, und die Ruhe seiner Getreuen, die mit ihm ruhten über die Jahrhunderte und Jahrtausende …!“
Die Rauchwolken aus der Pfeife van Helsings versiegten, während die Stimme weiter sprach.
„Und ich warne auch Euch! Denn die Rache des Pharao wird Euch erreichen bis ins dritte und vierte Glied!“
Aus dem Schatten in einer Ecke der Gruft löste sich eine unheimliche Gestalt und schritt mit ausgebreiteten Armen auf die Drei zu.
Unter der Kapuze dieses Wesens glühten in einem dunklen Gesicht ein Paar feurige Augen, während sein ganzer Körper mit Teppichen behangen erschien.
„Denn die Wege des Pharao und seiner Getreuen sind wundersam!“
Van Helsing hatte sich wieder gefasst.
„Soso – und diese Wege haben Sie hierher geführt, was? Na, los, erzählen Sie!“ setzte er hinzu, als die Gestalt nicht weiter sprach.
„Mein Mund soll versiegelt sein für die Ungläubigen!“ ließ sich der Neuankömmling vernehmen und schwieg dann wieder.
Doch damit war Iwan nicht einverstanden.
„Los, red, du Kameltreiber! Wie kommst du in Gruft?!“
Mit diesen Worten griff er nach dem Teppichverhangenen und schüttelte ihn kräftig, so dass es staubte.
„Hee, vorsichtig! Nicht so rau! Mehmet ist nur ganz gewöhnlicher Teppichhändler!“
Misstrauisch musterte Van Helsing diesen Mehmet, um den der Staub aus seinen Teppichen langsam zu Boden rieselte.
„Und was macht ein ganz gewöhnlicher Teppichhändler morgens um halb sechs in diesen Katakomben unter dem Friedhof von Zborsk?“
Der staubige Mehmet zuckte mit den Schultern. Es staubte noch ein bisschen mehr.
„Na – ich weiß eigentlich auch nicht …!“
„Hier findet er keine Kundschaft für Teppiche – soll ich vielleicht machen Zombie-Probe mit ihm?“
Iwan zückte eines seiner verbliebenen Salzstangerln, das Mehmet misstrauisch musterte.
„Wissen Sie – es ist so: normalerweise ich schlafe unter der Brücke, aber wenn es kalt wird oder regnet, gehe ich manchmal hierher ins Trockene …!“
„Eine Teppichhändler – schläft unter der Brücke - !“
Iwan gluckste wieder einmal leise vor Lachen.
Als wäre es sein Stichwort gewesen, zückte Mehmet einen kleinen Teppich, den er über dem linken Arm getragen hatte. „Sie brauchen vielleicht eine Brücke? Echte Perser-Brücke, sehr günstig – nur 5000 Lewonzen, transsilvanische!“
Iwan knurrte drohend und winkte dem Teppichhändler mit seinem dicken Zeigefinder.
„Schon gut, schon gut, keine Brücke!“
Nachdenklich schaute der Professor auf den seltsamen Vorderasiaten.
„Soso – und von Ihrer Brücke sind Sie hierher gekommen?“
Mehmet nickte beflissen.
„Merkwürdig – der Eingang in die Gruft liegt da hinten!“ Van Helsing deutete über seine Schulter. „Sie sind aber von dort gekommen!“ Jetzt wies sein Finger in die entgegensetzte Richtung, in einen finsteren Winkel des Gewölbes, den sie bisher noch nicht betreten hatten.
„Wollen Sie uns weismachen, dass es dort noch einen Ausgang gibt, der direkt zur Zborska führt?“
„Nichts weismachen, Herr! Ist wahr! Soll Mehmet die Herrschaften führen? Kostet nicht viel. Sehr günstig – nur 500 Lewonzen – oder für Sie: 300!“
Bevor Mehmet weiter haspeln konnte, hatte ihn Iwan an seinem Kragen gepackt, der aus einem kleinen ziemlich speckigen Tischläufer bestand.
„Vorwärts! Dawai! Du führst uns ohne Lewonzen!“
„Ohne Lewonzen?“ echote der Teppichhändler.
„Da!“
„Da–da-das hat man nun davon!“ stotterte Mehmet und jammerte weiter: „Was muss ich auch auswandern aus dem schönen warmen Ägypten ins nebelverhangene Transsylvanien?! Keine Pyramiden – keine Kamele – keine Lewonzen – ein Scheissleben!“
Von Iwan getrieben bewegte sich der betrübte Mehmet da hin, woher er gekommen war, und tatsächlich fand sich in der hintersten und finstersten Ecke der Gruft eine schmale Tür aus uralten Bohlen.
Sie stand halb offen, und vorsichtig stiegen die Verbündeten über eine hohe Schwelle hinaus in einen gemauerten Gang, der sich in einem weiten Bogen in die Dunkelheit zog.
Van Helsing schüttelte den Kopf und murmelte: „Immer wieder diese feuchten unterirdischen Gänge! Meinem Rheuma tut das überhaupt nicht gut!“
Trotzdem und ohne zu zögern übernahm der Professor die Führung des kleinen Trupps, der sich langsam durch den Tunnel voran bewegte. Manchmal hatten sie den Eindruck, als stiege der Boden unter ihren Füssen an, ein andermal schien es, als senke er sich wieder.
„Wenn du gelogen hast, du Hund …!“ knurrte Iwan drohend, doch Mehmet beeilte sich zu versichern, dass dies genau der Gang sei, durch den er gekommen war.
Nach einer guten halben Stunde wurde es vor ihnen heller, und der Teppichhändler drängte sich an Van Helsing vorbei.
„Sehen Sie – da vorne: Sonnenlicht! Wie Mehmet gesagt hat!“ Durch eine Gittertür, die sich mit einem schrillen Quietschen öffnete, traten sie hinaus ins Licht einer eben aufgehenden Sonne. Unter ihnen glitzerte die Zborska im frischen Morgenlicht, und direkt neben dem Ausgang erhob sich der gewaltige Bogen einer Brücke.
„Ist Brücke von Mehmet!“ wies der Teppichhändler, der sie geführt hatte hinauf. „Das macht, bitteschön - !“
„Macht gar nix!“ bellte Iwan. „Macht überhaupt nix!“
„Aber – die Führung - ?!“
„Nix! War keine Führung! Wir wollten sowieso hierher!“
Mit einem dröhnenden Lachen hieb der Russe auf Mehmets Schulter, so dass dieser in einer Staubwolke zu Boden ging.
„Was ist? Machst du Morgengebet?“
Van Helsing war unterdessen hinunter ans Ufer der Zborska getreten und blickte hinaus auf den Strom, der ziemlich viel Wasser führte. Die ersten Schiffe hatten bereits losgemacht und suchten ihren Weg in der Fahrrinne des Flusses: hauptsächlich Schuten und Lastkähne, die mit allen möglichen Gütern beladen der Donau und ihren Handelsplätzen zustrebten.
„Ein reger Schiffsverkehr – zu dieser frühen Stunde, was?“ wandte sich der Professor an Jonathan, der mit geröteten Backen zu ihm gekommen war und mit der Hand die Augen gegen die noch sehr tief stehende Sonne beschattete.
Plötzlich zuckte er zusammen.
„Sehen Sie doch nur, Professor! Dort auf dem Kahn!“
Ein merkwürdig aussehendes Schiff, das ungewöhnlich tief im Wasser lag, steuerte eben quer zum Strom an ihnen vorbei. Auf dem Deck, das von einem Sonnendach beschattet war, lag eine weibliche Gestalt auf einem Art Lotterbett hingestreckt. Neben ihr ragte eine hohe Gestalt auf, die ihr anscheinend mit einem langen Palmwedel Kühlung zufächerte.
Nur wenn man ganz genau hinsah, konnte man erkennen, dass die Frau sich nicht etwa freiwillig dort an Bord räkelte, sondern gefesselt war.
Und eben vernahmen die Männer am Ufer ihre Stimme.
„Jonathan!“ rief sie. „Rette mich!“
Es war wirklich die schöne Bianca Torturata, die dort abtransportiert wurde, und die hohe Gestalt neben ihr war niemand anders als die Mumie Kharis Ma.
„Bianca!“ schrie Jonathan. “Warte! Ich komme!”
Mit diesen Worte stürzte sich Biancas Bräutigam, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, in die bräunlichen Fluten der Zborska, nur um augenblicklich unterzugehen.
(Aus dem Tagebuch der Bianca Torturata)
Wenn der Volksmund sagt, dass jemand aus dem Regen in die Traufe kommt, so kann ich von mir behaupten, dass ich diesmal aus der Traufe in einen leichten Sommerregen gekommen bin. Wirklich, im Vergleich zu den übelriechenden Zombies ist dieser Kharis Ma beinahe ein Lord! Wie er das macht unter den Mullbinden, in die er von Kopf bis Fuß gewickelt ist, weiß ich nicht, aber er müffelt kein bisschen! Das hätte ich bestimmt gerochen, denn er hat mich lange genug durch die Gegend geschleppt!
Dabei hat mir immer wieder versichert, wie sehr er mich seit Tausenden von Jahren liebt! Ich kann ihm einfach nicht beibringen, dass ich überhaupt noch nicht so alt bin. Er rollt dann nur mit seinen dunklen Augen, die aus den Schlitzen seiner Bandagen glühen, und ich weiß gar nicht, was das bedeuten soll.
Aus diesem unterirdischen Friedhofsgewölbe waren wir jedenfalls ganz schnell heraus – er kannte da irgendeinen Geheimgang, der fast genau so alt war wie die Mumie!
Dieser Gang endete in einem ganz gemütlichen Bootshaus direkt am Fluss, in das er mich einsperrte und verschwand. Es war viel hübscher als in dieser Friedhofsgruft. Draußen schien die Sonne, und ein paar Strahlen fielen durch die Ritzen sogar zu mir herein, als ich mich auf die Bretter legte und ziemlich schnell einschlief.
Ich wachte wieder auf, als von draußen eigenartige Geräusche zu mir herein drangen. Ich presste mein Auge gegen eine der Ritzen und sah, wie Kharis Ma – jetzt in eine Art Militärmantel gehüllt, der ihm gar nicht schlecht stand – dabei war, ein Segelschiff an dem Steg neben dem Bootshaus zu vertäuen.
Kurz darauf kam er zu mir herein. Und er hatte nicht nur an einen Mantel für sich selbst gedacht, sondern auch an frische Garderobe für mich. Ich musste ihn allerdings nachdrücklich auffordern hinaus zu gehen, damit ich mich umziehen konnte. Und ich glaube, ich habe dann doch eines seiner schwarzen Augen durch eine der Ritzen glühen sehen!
Aber sonst ist Kharis Ma ein echter Sir – wie er mich dann auf das Schiff geleitete!
Trotzdem will ich nicht mit dieser Mumie irgendwohin segeln! Ich weiß ich auch nicht, wie ich das Schiff verlassen kann, aber vielleicht kann ich ja jemanden am Ufer auf mich aufmerksam machen!
- - -
Van Helsing schüttelte den Kopf.
„Aber Jonathan! Was soll denn das?“
Der junge Harker hatte sich bei seinem Absprung mit dem Fuß in einem herumliegenden Tauende verfangen und sein Kopf war dabei gegen einen Brückenpfeiler geprallt.
„Der Junge geht ja unter!“
Und so lag es wieder einmal an dem treuen Iwan, als Retter in der Not aufzutreten. Mit einem gewandten Kopfsprung setzte der Russe seinem jungen Gefährten nach.
„Na, hoffentlich kann der jetzt schwimmen!“ unkte der Teppichhändler, doch van Helsing konnte ihn beruhigen.
„Keine Sorge – er kann! – Und du könntest mir – während Iwan unseren junge Kameraden rettet – vielleicht sagen, wohin dieses Schiff da draußen unterwegs ist, wenn es denn nicht auf dem Grunde der Zborska landet!“
Mehmet zuckte die Achseln.
„Keine Ahnung!“
Mit drohender Stimme bemerkte der Professor: „Denk daran, Mehmet: Iwan ist gleich wieder da!“
Tatsächlich hatte der treue Adlatus Van Helsings den Jüngling, der ziemlich bleich aussah, ans Ufer gezogen, während sich das Schiff mit Bianca an Bord immer weiter entfernte.
Ihre Hilfeschreie verhallten in der Ferne.
Mehmet erinnerte sich nun doch, dass die Route des Schiffes es ziemlich zwangsläufig in die transsylvanische Hauptstadt führen musste: „Nach Kronstadt, wann ich mir das recht überleg’, muss es fahren, das Schiff! Ja – nach Kronstadt!“
Jonathan hatte im Näherkommen die Worte Mehmets gehört, und trotz seines angeschlagenen Zustands und den gut drei Litern Zborskawasser in seinem Magen, stieß er entschlossen hervor: „Nach Kronstadt … wir müssen nach Kronstadt!“
Schon wollte er den Fluss entlang durch die Auenlandschaft nach Süden stapfen, doch van Helsing hielt den Jüngling zurück.
„Gewiss, Jonathan – nach Kronstadt soll es gehen – aber wir nehmen den Dampfer!“
Iwan stieß den Teppichhändler in die Seite.
„Außer vielleicht Mehmet hier hat fliegenden Teppich für uns?!“
In Iwans dröhnendes Lachen hinein sagte der Teppichhändler: „Aber natürlich ich habe …! Wenn Sie möchten einen Augenblick warten …Ich bin gleich zurück!“
Mit diesen Worten verschwand Mehmet unter dem Bogen der Zborska-Brücke, während Professor van Helsing seine beiden Gefährten zur Eile antrieb.
Und so hörten und sahen sie nicht, wie Mehmet unter dem Brückenbogen seine sehnige Hand zu einer Kralle bog und mit böse blitzenden Augen dem Trio nachknurrte: „Ihr nur lachen! Ihr schon sehen …! Ihr schon sehen!!!“
„Kommt – es ist eine halbe Stunde bis zum Schiffsanleger! Wenn wir das Linienschiff nach Kronstadt noch erreichen wollen, müssen wir uns sputen!“
Tatsächlich waren die Drei die Letzten, die eben noch über die Gangway an Bord rannten, bevor sie von zwei Gestalten, die eher Piraten als Matrosen glichen, eingezogen wurde.
Auf dem Oberdeck des Dampfers hatte sich ein bunter Querschnitt der transsylvanischen Bevölkerung versammelt: Viehhändler, die trotz der zu erwartenden Hitze des Tages in dicken Fellmänteln zwischen ihren Ziegen lagerten, schwarz gekleidete Popen mit fettigen Haaren, die mit leisem Klicken ihre Rosenkränze durch die Finger gleiten ließen, glutäugige Zigeuner, die dicke, schwarze und stinkende Zigarren rauchten, während ihre Töchter in weiten bunten Röcken zum Klange von Tamburinen und Kastagnetten in einem Kreise begeistert klatschender Balkanesen die Tarantella tanzten.
In einer Ecke hatte sich eine ungarische Großfamilie mitsamt einer mittleren Gänseherde niedergelassen, ihnen gegenüber breiteten zwei gläubige Muselmanen eben ihre Gebetsteppiche aus.
Seufzend beobachtete Jonathan Harker das bunte Geschehen – er konnte keine Freude daran finden, dachte er doch an nichts anderes als an seine Bianca Torturata.
„Kommen Sie mit, junger Herr!“ schob Iwan ihn wenig später in Richtung auf einen Niedergang, der ins Innere des Schiffes führte. „Habe ich Kabine requiriert!“
Wie es dem treuen Russen gelungen war, den Kapitän des Dampfers aus seiner Kajüte zu vertreiben, erfuhren van Helsing und sein junger Freund nie, doch das verbissene Gesicht und die wütenden Blicke des Schnurrbärtigen ließen nichts Gutes vermuten!
- - -
(Aus dem Tagebuch der Bianca Torturata)
Eine Schiffsfahrt ist eigentlich etwas Schönes. Ich habe bisher noch nicht oft Gelegenheit dazu gehabt, und diese Fahrt von Zborsk nach Kronstadt war ein wenig getrübt durch die Anwesenheit meines glutäugigen Reisebegleiters.
Kharis Ma, die Mumie in ihren weißen Bandagen, war nicht unhöflich zu mir, versuchte auch nicht, sich mir unsittlich zu nähern – das wäre auch schon wegen seines eingewickelten Körpers schwierig gewesen – er saß vielmehr ziemlich unbeweglich am Steuerruder des Segelschiffs, auf dem wir die Zborska hinab fuhren, und starrte mich unverwandt an.
Beim Einschlafen sah ich seine glühenden Augen, und beim Aufwachen war er immer noch da und beobachtete mich. Als ich ihn fragte, warum er mich denn immer so anstarre, antwortete er mit seiner hohlen Stimme: „Weil ich dich nie mehr verlieren will, Ananka! In tausend Jahren nicht mehr!“
Das war schon ein bisschen gruselig, denn wer kann sich schon vorstellen, tausend Jahre alt zu werden. Wahrscheinlich müsste ich dann genau so eingewickelt herumlaufen wie Kharis Ma!
Trotzdem nahm unsere Reise irgendwann ein Ende. Am Horizont tauchten die Türme einer Stadt auf, und Kharis Ma wurde unruhig. Wir näherten uns Kronstadt, wie er mir mit dramatischem Timbre in der Stimme mitteilte. Ich wusste nicht, was das jetzt zu bedeuten hatte. Eigentlich stammte die Mumie doch aus Ägypten!
Vorsichtig fragte ich, was wir denn in Kronstadt wollten.
„Dort befindet sich das Pergament, das auch Dir ewiges Leben schenken wird – an meiner Seite!“ verkündete er mit einem merkwürdigen Pathos, so merkwürdig, dass es mir ein wenig kalt den Rücken herunter lief – obwohl an diesem Nachmittag die Sonne noch hoch am Himmel stand.
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(Aus dem Tagebuch Jonathan Harkers)
„Kronstadt! Kronstadt! Alles aussteigen! Der Dampfer endet hier!“
Lautes Pochen erschütterte die Kabinentür, ich schoss aus tiefem Schlaf auf und schlug sich meinen Kopf an dem Etagenbett heftig an. Als ich wieder sehen konnte, baumelten vor meinen Augen die dünnen, behaarten Beine Professor Van Helsings, der in dem Bett über mir geschlafen hatte.
Iwan riss die Tür auf und streckte den Steward, der geklopft hatte, mit einer Faustwatsche zu Boden.
„So laut, diese Transsylvanier!“ knurrte er, während er sich unser Gepäck auf seine breiten, kräftigen Schultern lud.
Das Deck hatte sich schon fast völlig geleert, als wir nach oben kamen. Nur die ungarische Familie jagten noch zwei Gänse, die ihnen entkommen waren.
Der Dampfer hatte am Kai von Kronstadt festgemacht, einer mächtigen Anlage, die jetzt eher verwaist da lag. Einige halb verfallenen Schuppen grüßten zu uns herüber, und auch die Fischhalle hatte wohl schon bessere Zeiten gesehen. An die Mole grenzte direkt ein rechteckiger Platz, der landeinwärts von einer Stadtmauer begrenzt wurde, hinter der man einige Kirchtürme und das Minarett einer Moschee entdecken konnte. Alle anderen Häuser waren anscheinend so niedrig, dass sie die Mauer nicht überragten.
Auf dem Platz selbst fand wohl normalerweise der Markt statt, denn einige Bauern hatten windschiefe Buden und Stände aufgebaut, um ihre landwirtschaftlichen Güter feilzubieten: Knoblauch und Zwiebeln, Kartoffeln und Hirse, ein paar magere Hühner und dunkel geräucherte Speckseiten.
Als wir den Markt überquerten, merkte ich, dass ich seit geraumer Zeit nichts mehr gegessen hatte. Die Marktfrauen drehten sich nach mir um – so laut knurrte mein Magen.
„Das ist also Kronstadt!“ sagte laut zu Van Helsing, um die Geräusche aus meinem Abdomen zu übertönen.
„Die Hauptstadt von Transsylvanien, ja!“ stimmt Professor van Helsing zu, der im Vorübergehen interessiert die Folklore der Metropole aufnahm.
„Und wie wollen wir vorgehen?“ fragte ich höflich, ohne meinen Hunger zu erwähnen.
„Nun, wir gehen erst einmal vor – über diesen Platz dort hinüber – und dann in die erste Gasse links!“
„Und was ist da?“
„Dort ist – die SPHINX!“
Verdutzt blieb ich stehen – direkt neben einem Markstand, an dem rote und grüne Pfefferoni in einer bunten Kette dekoriert waren. Auf einer flach gelegten alten Tür standen ein paar Krüge mit sauren Gurken, und daneben lagen fette Würste, die ich normalerweise nicht gegessen hätte. Jetzt erschienen sie mir überaus appetitlich.
Iwan ließ sein gutturales Lachen hören.
„Erste Straße links – da ist die Sphinx – das ist gut! Das ist gut!“
Anscheinend plagte auch ihn der Hunger, denn er griff sich eine der Würste und begann sie zu kauen. Das magere Marktweib protestierte lautstark und rief uns unverständliche Schimpfworte nach
„Die Sphinx – hier in Kronstadt?“
Ich war sicher, dass diese Figur im fernen Ägypten zu finden war.
„Ja,“ lachte van Helsing. „Die SPHINX – die einzige esoterische Buchhandlung von Kronstadt! Sie gehört einem alten Freund von mir: Mohammed Daraschekoh!“
Der Duft der Knoblauchwurst, an der Iwan kaute, zog eindringlich in meine Nase, während wir hinter dem Professor her trotteten.
Der Buchhändler, ein ewig langer und dünner Jude in einem schwarzen etwas abgetragenen, ehemals eleganten Kaftan, wirkte erstaunt, als er von einer Ausgabe der „Kabbala“ aufschaute und seinen ersten Kunden an diesem Morgen sah.
„Bitteschön, wenn Sie möchten näher treten – aber, wie ist es möglich?! Das ist doch – van Helsing ? Sie hier?“
„Ich bin es, Mohammed!“
Die beiden älteren Herren umarmten sich und bestätigten sich immer wieder, dass es doch kaum möglich sei, dass sie einander ausgerechnet hier und heute wiedersähen!“
„Wie lang haben wir uns nicht gesehen – zehn Jahre? Und wer sind die Herren in Deiner Begleitung?“
Van Helsing stellte Iwan als seinen treuen Diener vor („Wie ist es möglich? Du bist im DINER Club?“) und mich als jungen „Freund“ („Harker? Den Namen hab’ ich schon gehört! Kann sein von einem guten Kunden, einem gewissen Grafen Drakula!“). Dazu sagte ich nichts.
Dann führte Mohammed Daraschekoh uns in das kleine Hinterzimmer hinter seinem Laden, wo eine nicht minder kleine Kaffeemaschine schon vor sich hin blubberte.
„Kaffee mögt’s ihr doch bestimmt?! Und vielleicht einen kleinen Schnaps?“
„Wir haben noch nichts gegessen,“ warf ich ein, denn mein Magen meldete sich schon wieder recht geräuschvoll.
„No, hab’ ich noch ein paar Pofesen da, von gestern!“
Schnell breitete der Buchhändler das Gebäck auf einem antiken Tellerchen aus, wo es aber nur wenige Sekunden liegen blieb, dann hatte ich es mir einverleibt.
„Das ist sehr nett von dir, Mohammed, aber eigentlich habe ich vor allem eine Frage: was sagt dir der Name Ananka?“
„Na, was soll er mir sagen?! Hab’ ich doch gerade gelesen eine altägyptische Legende - !“
„Was für eine Legende?“ fragte ich aufgeregt mit vollem Mund.
„Eine altägyptische, wie ich schon sagte, junger Freund! Aus dem altägyptischen Totenbuch! Da gibt es nämlich eine Geschichte von der schönen altägyptischen Prinzessin Ananka und einem Hohepriester, einem gewissen Kharis Ma! Spielt alles am Hofe des Pharao Im-Po-Thep – du kennst ihn wahrscheinlich?“
„Erzähl, Mohammed,“ drängte Van Helsing, ohne auf die Frage des Buchhändlers einzugehen.
„Ja, also – was soll ich sagen: er hat sie geliebt, der Kharis Ma – jene schöne Ananka, aber: er hat sie nicht lieben dürfen! Wie es halt so war damals – bei den Hohenpriestern!“
„Moment,“ unterbrach ich die Erzählung Mohammeds, „der Pharao Im-Po-Thep, der hat doch vor über 4000 Jahren gelebt!“
„Na, warum soll das nicht möglich gewesen sein, dass er sie geliebt hat vor 4000 Jahren, der Hohepriester Kharis Ma die Prinzessin Ananka?! Obwohl der Pharao es hatte verboten, und als sie ihm drauf gekommen sind, die anderen Ägypter dem Kharis Ma, was glaubt ihr, was sie mit ihm gemacht haben?“
Gespannt lauschten wir der Erzählung des Buchhändlers, während Iwan heimlich die letzten Pofesen-Krümel vom Teller klaubte.
„Sie haben ihn lebendig begraben – in einem Sarkophag!“
„Die lebende Mumie!“
Der Professor konnte sich diesen Ausruf nicht verkneifen.
„Sie könnte man’s nennen! Er war jedenfalls noch lebendig, als sie ihn einbalsamiert haben! Und es heißt: im Sarkophag soll ein Stückel Papyrus liegen, ein ägyptischer Papyrus, und da drauf soll stehen eine gewisse geheime Formel – eine Formel …“
„Mit der man den Kharis Ma dereinst wieder zum Leben erwecken kann!“ platze Van Helsing mit der Pointe der Geschichte heraus.
Mohammed Daraschekoh sah ihn verblüfft an.
„Du kennst die Geschichte?“
„Nein,“ schüttelte der Professor den Kopf, „aber ich glaube, wir kennen Kharis Ma – die lebende Mumie!“
Als wäre es ein Stichwort gewesen, klirrte und krachte im selben Augenblick die Verbindungstür zu dem esoterischen Buchladen Mohammed Daraschekohs, und im Rahmen stand eine unheimliche, in Bandagen gewickelte Gestalt.
„Ich bin die alte Mumie, Mohammed Daraschekoh, und dich zu töten, kumm’ i eh!“
Der jüdische Freund Alexander van Helsings blieb wie erstarrt stehen, während die altägyptische Gruselgestalt mit staksenden Schritten auf uns zu torkelte.
Nur ein gewürgtes „Das ist doch nicht – möglich!“ entrang sich den Lippen des Buchhändlers, dann schlossen sich die klauenartigen uralten Hände um seinen Hals.
„Oh doch!“ hallte die hohle Stimme durch den Raum. „Und du wirst nun nie mehr altägyptische Legenden erzählen, Mohammed Daraschekoh!“
Mit einem letzten Röcheln brach Daraschekoh nieder, ohne dass einer von uns ihm hätte zu Hilfe kommen können.
„Mein Gott!“ konnte ich nur stammeln. „Die Mumie – sie hat ihn ermordet!“
Mit eisiger Ruhe drehte sich die Gestalt zu mir um.
„So ist es – und so wird es jedem ergehen …!“
Endlich hatte sich Van Helsing gefasst und riss einen schweren Revolver aus der Tasche seines Havelocks.
„Verfluchte Mumie!“ knurrte der Professor und gab drei Schüsse auf das unheimlich Wesen ab.
Doch die Kugeln zeigten keine Wirkung, im Gegenteil: ein höhnisches Gelächter erklang aus dem zahnlosen Mund der bandagierten Gestalt.
„Hahaha – ich bin die alte Mumie … und gegen Kugeln bin immun i eh!“
Mit zwei schweren Schritten erreichte die Gestalt das Fenster, das in den Hinterhof hinausführte, und ohne anzuhalten, bretterte er mit voller Wucht durch Glasscheibe und Fensterkreuz.
Sekunden später war das uralte Wesen aus dem Nilland verschwunden.
„Weg ist Mumie!“ bemerkte Iwan vollkommen zurecht fügte hinzu: „Kugeln von Professor haben nichts genutzt!“
Nachdenklich betrachtete Van Helsing die Waffe in seiner Hand.
„Es sieht ganz so aus! Mit unseren neuzeitlichen Waffen ist dieses Wesen wohl nicht zu besiegen. Wie sagt doch die Legende? Wenn wir die Mumie unschädlich machen wollen, müssen wir den Papyrus vernichten, der sie – oder vielmehr ihn – ins Leben zurück geholt hat!“
Iwan kratzte sich am Kopf.
„Müssen nach Ägypten?“
„Wohl kaum!“ verneinte der Professor. „Wir müssen den Papyrus finden, aber ich vermute, dass der sich hier in Kronstadt befindet! Warum wäre die Mumie sonst auf seinem Schiff hierher gekommen – zusammen mit Ihrer Braut Bianca, Jonathan!“
Alexander van Helsing schob uns aus der esoterischen Buchhandlung hinaus, deren Besitzer jetzt tot im Hinterzimmer lag. Er hätte uns jetzt vielleicht Auskunft über ein Leben nach dem Tode geben können.
(Aus dem Tagebuch der Bianca Torturata)
Es gibt Dinge, über die habe ich noch nie nachgedacht – dazu gehört die Frage der Wiedergeburt. Kann es sein, dass wir – unsere Seele – nach dem Tode in einem anderen Körper wieder geboren wird?
Kharis Ma z.B, ist fest davon überzeugt. Nicht nur dass er davon überzeugt, dass er selbst 4000 Jahre alt ist, nein, er glaubt auch noch dass ich seine wiedergeborene Geliebte Ananka von damals bin! Immer wieder erzählt er mir von damals, als er mit ihr – mit mir – am Nil entlang schlenderte. Und davon, dass er damals schon beschlossen hatte, sich mit mir zusammen in einer von diesen Pyramiden einmauern zu lassen! So sollte unsere Liebe ewig dauern.
Eigentlich klingt das alles sehr romantisch, wenn ich ihm zuhöre – aber wenn ich dann wieder in sein Mullbinden-Gesicht schaue, vergeht mir die ganze Romantik wieder.
Aber wenn ich zwischendurch einschlafe – so spannend sind seine Geschichten nun auch wieder nicht – dann träume ich von Ägypten! Wirklich, mir kommt dann vor, als wandle ich unter den Palmen, von denen er mir erzählt. Merkwürdig – vielleicht ist ja doch etwas dran an seinen Geschichten von der Wiedergeburt.
Er hat jedenfalls beschlossen, mir das „ewige Leben“ zu schenken – damit wir dann immer beisammen sein können! Dafür braucht er bloß noch irgendein Papyrus mit einer geheimen Formel – und das soll es ausgerechnet hier in Kronstadt geben! Na, ich weiß nicht! Jedenfalls schleppt er mich von einem Versteck zum andern – bloß den Papyrus haben wir noch nicht gefunden! Bloß Staub und Spinnweben! Nicht für eine junge Frau in ihren besten Jahren – oder Jahrtausenden!
- - -
„Aber müssen wir nicht die Polizei verständigen?!“ zögerte der junge Harker, als sie aus der esoterischen Buchhandlung traten, und schaute sich auf der Straße nach einem Ordnungshüter um. Ein Polizist war nirgends zu sehne, aber Jonathan entdeckte in einem Torbogen auf der anderen Straßenseite eine bekannte Gestalt.
„Da drüben - das ist doch Mehmet!“
Der windige Teppichhändler verschwand schnell in einer dunklen Seitengasse, doch auch Van Helsing hatte ihn gesehen.
„Tatsächlich – Mehmet, der Teppichhändler, den wir in Zborsk zurückgelassen haben! Das ist aber ein eigenartiger Zufall – kommt, wir heften uns an seine Fersen!“
Schnell eilten die Drei über die wenig befahrene Straße und sahen gerade noch, wie Mehmet weiter hinter in der Seitengasse durch einen schmalen Durchgang schlüpfte.
Doch so leicht war es nicht, dem erfahrenen Vampirjäger Van Helsing zu entkommen, wenn er einmal Witterung aufgenommen hatte.
Zweimal meinte Jonathan schon, sie hätten die Spur Mehmets verloren, doch mit traumwandlerischer Sicherheit fand der Professor die Spur des Teppichhändlers jedes Mal wieder – bis sie die Verfolger zu einem Schuppen in einem düsteren Hinterhof führte, in dem Mehmet verschwand und nicht wieder zum Vorschein kam.
Eine gute Viertelstunde beobachteten die Drei das Gebäude, das beinahe schon baufällig wirkte. Nichts rührte sich. Niemand kam, niemand ging.
Plötzlich erklang ein entsetzlicher Schrei durch den Hof – er war aus dem Schuppen gekommen!
„Schnell! Kommt!“
Van Helsing hatte wieder seinen Revolver gezückt und eilte über den Hof auf die Schuppentür zu. Dann winkte er den treuen Iwan, der sich mit seinen mächtigen Schultern gegen das Tor warf.
Splitternd flogen die Türflügel zur Seite.
Vorsichtig traten die Gefährten ein.
„Mit scheint: ist nur Mehmets Teppichlager!“ flüsterte Iwan, und van Helsing gab ihm Recht.
„Es sieht ganz so aus! Von Mehmet selbst ist allerdings weit und breit nichts zu sehen. Seltsam …!“
Links und rechts lagen in hohen Stapeln orientalische Teppiche, leicht angestaubt, aber mit durchaus edlen Mustern.
Anerkennend betrachtete Iwan die Auslegeware.
„Sind schöne Teppiche, Professor! Ich kennen ganz gut – hier: echte Afghanen … und da Perser …!“
Hinter den Stapeln standen auch einige Teppiche zusammengerollt an die Wand des Schuppens gelehnt.
Interessiert untersuchte Iwan die Rollen, als diese mit einem Mal zu wanken begannen. Wie in einem Dominospiel fielen sie langsam – eine nach der anderen - um.
„Vorsicht, Iwan!“ warnte Van Helsing und zog seinen treuen Diener zur Seite, dem eine der Teppichrollen fast auf die Füße gefallen wäre.
In diesem Fall rollte sie ein Stück weit auf und gab den Blick auf einen unerwarteten Inhalt frei.
„Das ist doch – Mehmet!“ rief Jonathan.
Van Helsing nickte.
„Die Rache des Pharao hat auch ihn erreicht!“
Der Teppichhändler offensichtlich tot – erwürgt von den uralten Krallen der Mumie Kharis Ma!
„Sie meinen: die Mumie hat auch Mehmet auf dem Gewissen?“ erkundigte sich der junge Harker, und wieder nickte der Professor.
„Ja. Ich glaube: er wusste zu viel – aber er wusste nicht alles!“
„Der Papyrus!?“
„So ist es! Kharis Ma ist wie wild dahinter her! Wir müssen ihn unbedingt vor ihm finden. Aber hier werden wir wohl vergeblich suchen!“
Van Helsing schaute sich um, doch er entdeckte nirgends einen Sarkophag zwischen den Bodenbelägen, die stapelweise herumlagen.
Nachdenklich ging der Professor zwischen den Teppichen umher, dann blieb er mit einem Mal vor einem kleinen aufgerollten Läufer stehen.
„Das ist ja sehr interessant,“ murmelte er. Jonathan war nicht klar, was van Helsings Aufmerksamkeit erregt hatte.
„Schauen Sie nur, diesen Anhänger! Der Teppich soll geliefert werden an die „Ägyptische Sammlung“ des Museums von Kronstadt, zu Händen Doktor Lorin!“
„Ägyptische Sammlung? Ach, und Sie glauben, dass wir dort den Sarkophag und den Papyrus finden, den Kharis Ma sucht?“
Van Helsing zuckte die Achseln.
„Wir werden sehen. Auf jeden Fall übernehmen wir diese Teppichlieferung! Auf zu Herrn Doktor Lorin!“
Der Name Alexander van Helsing öffnete ihnen die Türen des Museums. Eine bildhübsche, rassige Sekretärin mit gelackten schwarzen Haaren führte sie durch die Gänge, und Jonathans Erinnerungen an Bianca wurden vom Wippen ihre Hinterteils in einem überaus engen und kurzen Rock kurzfristig überlagert.
„Doktor Lorin lässt bitten, mein Herren!“
Sie hatte eine hohe Flügeltür aufgestoßen, hinter der sich ein großes im Makart-Stil eingerichtetes Büro befand: schwere Portieren hingen überall, dazwischen gewaltige Ölschinken mit mythologischen Szenen – die vorzugsweise den „Raub der Sabinerinnen“ wiedergaben. Anscheinend ein Thema, das dem Hausherrn sehr am Herzen lag.
An einem mehrere Quadratmeter messenden Schreibtisch saß dieser, ein kleiner älterer Herr mit dünnen Haupthaar und weit hervorquellenden Froschaugen, und sprang sofort auf, als er van Helsing erblickte.
„Meine Herren, ich muss mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken, dass Sie so freundlich waren!“
Iwan ließ den Teppich, den er bisher geschultert hatte, auf den Boden plumpsen, der bereits mit einer zwei- bis dreifachen Schicht von Orientteppichen belegt war.
„Der gute Mehmet konnte selbst nicht kommen, sagte mir meine Mitarbeiterin?!“
Diese war noch in der Tür stehen geblieben und schloss sie nun auf einen Wink Dr. Lorins vornehm und leise von außen.
„Er ist – äh – verhindert, ja!“ bestätigte Professor van Helsing und fügte hinzu: „Sagen Sie, Doktor Lorin – da wir nun einmal hier sind, dürften wir uns wohl Ihre Sammlung ansehen?“
Iwan und Jonathan standen versunken in den Anblick der überaus saftigen Schinken, und auch der Besitzer der prallen Gemälde ließ seinen Blick wohlwollend auf seiner Sammlung ruhen.
„Sie meinen - ?“ fragte er, doch der Vampirjäger unterbrach ihn: „Ihrer ägyptologischen Sammlung, Doktor Lorin!“
„Ach so, ja – selbstverständlich, mein lieber Kollege, selbstverständlich! Es ist mir eine Freude und Ehre, wenn ein so berühmter Mann wie Sie – wenn ich einen so berühmten Mann wie Sie selbst führen darf!“
Viel lieber hätte van Helsing die Sammlung Doktor Lorins ohne dessen Begleitung besucht, doch daran war nun nicht mehr zu denken, denn schon rief der Ägyptologe seiner Sekretärin über die Sprechverbindung ins Vorzimmer zu:
„Erszebeth! Ich gehe mit den Herren nach unten! In die Sammlung!“
Ihre samtene Stimme antwortete sogleich: „Ja, Herr Doktor, ich weiß Bescheid!“
Lorin hatte unterdessen einige der drapierten Samtvorhänge zur Seite geschoben. Dahinter zeigte sich eine weitere hohe Doppeltür.
„Darf ich Sie hier entlang bitten, meine Herren! – Mein privater Zugang zu der Sammlung!“
Der Museumsdirektor öffnete die Tür und entzündete die Gasbeleuchtung dahinter, die eine breite nach unten führende Marmortreppe in warmes gelbes Licht tauchte.
„Hier haben wir noch kein elektrisches Licht, Herr Professor! Aber es sind nur einige wenige Stufen nach unten, in den alten Trakt der Universität. Das „Alte Reich“ befindet sich im alten Trakt – irgendwie passend, finden Sie nicht?“
Vorsichtig stiegen die drei Besucher hinter ihrem Gastgeber hinab und gelangten in einen Kreuzgang, in dem an Stelle gotischer Heiligenfiguren ägyptische und babylonische Statuen aufgereiht waren, die von oben mit blicklosen Augen auf die Besucher herab schauten.
Mit einem gewaltigen Redestrom ließ sich Doktor Lorin über seine antiken Kunstschätze aus, und Jonathan schwirrte in kürzester Zeit der Kopf von den exotischen Namen und Zeitaltern. Iwan gab sich auch den Anschein als höre er zu, während er sich in Wahrheit darauf konzentrierte, in seiner Erinnerung zu kramen, wo man hier in Kronstadt ein ordentliches Nachtmahl zu sich nehmen könnte.
„Und wenn Sie mir jetzt hier hinüber folgen würden, meine Herren,“ dirigierte Doktor Lorin seine Besucher in einen weiteren Seitenflügel seiner Sammlung. „Hier habe ich einige wunderbare Horus-Statuen, die Sie unbedingt noch sehen müssen!“
Jonathan schob Iwan hinter dem Archäologen her und hielt van Helsing am Ärmel fest.
„Haben Sie gemerkt, Professor? Er führt uns stets im Kreise um diesen Sarkophag da vorne!“
Tatsächlich stand in einer Ecke des Kreuzgangs ein gewaltiges ägyptisches Grabmal, das Doktor Lorin bisher mit keinem Wort erwähnt hatte.
„Sicher, Jonathan, ich habe es natürlich auch bemerkt!“ gab van Helsing zurück. „Aber wir können nichts tun, ohne seinen Verdacht zu erregen!“
Schon kam der kleine glubschäugige Ägyptologe auf sie zugeschossen.
„Ich habe den Eindruck, dass ich Sie vielleicht langweile, Professor van Helsing ?!“
Der wehrte sofort mit großer Geste ab.
„Keineswegs, Doktor Lorin! Überhaupt nicht, wir sind nur – äh!“
Eine genauere Antwort blieb dem Vampirjäger erspart, denn in diesem Augenblick klapperten die Absätze von Fräulein Erszebeth über die Steinplatten des Kreuzgangs heran.
„Herr Doktor – bitte zum Telefon! Es ist - die Polizei!!“
Schien es nur so – oder zuckte Doktor Lorin bei diesem Wort zusammen?
„Die Polizei?“ echote er. „Aber wie ist das möglich?“
„Wer weiß das schon, lieber Kollege?! Die Staatsmacht und ihre Einfälle werden uns wohl immer wieder vor neue Rätsel stellen!“
Der Museumsdirektor wirkte unschlüssig, ob er sich von seinen Besuchern trennen sollte.
„Aber gehen Sie nur, Doktor Lorin! Wir werden hier unten auf Sie warten!“
„Aber – ich – äh !“ stotterte Lorin.
Seine Sekretärin klapperte höchst aufgeregt mit ihren langen Wimpern.
„Es ist dringend, Herr Doktor! Es geht um Mehmet!“
Das gab den Ausschlag. Kaum hatte Erszebeth den Namen genannt, stürmte Lorin davon, verharrte noch einmal im Laufe seiner kurzen Beine und rief: „Ich bin sofort wieder bei Ihnen! Es ist sicher ein Missverständnis!“
Wieder rannte er drei Schritte und blieb noch einmal stehen.
„Bitte nichts berühren, meine Herren! Sie wissen ja, ich – äh – bis gleich!“
Damit entschwand er die Treppe hinauf in Richtung auf sein Büro.
Erszebeth war stehen geblieben und hatte anscheinend den Auftrag, die Besucher im Auge zu behalten.
Ein gezieltes Augenzwinkern des Professors nahm Iwan sofort auf. Schon stand er neben der rassigen Schönheit und beugte sich über ihre wogende Oberweite.
„Nichts berühren, hat er gesagt, der Herr Doktor ?!“ raunte er Erszebeth in die schönen kleinen Ohren. „Gilt das für alles hier?“
Doktor Lorins Sekretärin war natürlich – wie die meisten Frauen – dem gutmütigen Charme und der überaus kräftigen Figur des Russen verfallen und ließ ein tiefes Gurren wie das einer brünstigen Turteltaube hören.
„Gut macht er das, der Iwan!“ wisperte van Helsing seinen jungen Gefährten zu. „Kommen Sie, Jonathan! Schnell – zu dem Sarkophag!“
Mit leisen Schritten eilten die Beiden den Kreuzgang entlang hinüber zu dem steinernen Monument.
„Sehen Sie nur hier, Jonathan: Schleifspuren! Diese Platte ist vor nicht allzu langer Zeit bewegt worden!“
Schon lehnte sich van Helsing mit der Schulter gegen die Abdeckplatte. Doch sie bewegte sich keinen Millimeter.
Erst als auch Jonathan Harker mit seiner jugendlichen Kraft zupackte, gelang es ihnen den Deckel um einen Viertelmeter zu verschieben.
Van Helsing schaute hinein.
„Ist die Mumie drin?“ fragte sein junger Gehilfe aufgeregt.
„Die Mumie nicht!“ verneinte der Professor. „Aber das hier!“
Triumphierend zog van Helsing die Hand wieder aus dem Sarkophag und zeigte seinen Fund, ein Stück von einem augenscheinlich uralten Papyrus!
Jonathan starrte auf den fetzen Pergament – sollte er ihm den Weg zu seiner angebeteten Bianca weisen?
„Können Sie den Papyrus entziffern?“
Van Helsings Augen flogen über das uralte Pergament.
„Das ist nicht ganz einfach, Jonathan! Hm … hier steht Kharis Ma … hier: Im-Po-Thep, der Pharao … Kharis Ma grüßt die Nachgeborenen - !“
„Nur um sie zu vernichten!“ dröhnte in diesem Augenblick eine tiefe Stimme durch den Raum, die ihnen nur zu bekannt war – es war:
„Die Mumie!“
Iwan hob seinen Kopf aus dem Dekolleté der drallen Erszebeth.
„Verflucht – woher kommt Monster jetzt ?!“
„Aus der Tiefe der Zeit komme ich,“ verkündete die Stimme der Mumie, „und mit mir kommt der Tod - für Euch!“
Die unheimliche Gestalt fixierte als erstes den jungen Harker, und schneller als irgend jemand gedacht hatte, war die Mumie bei ihm und packte ihn mit eisernem Griff an der Gurgel.
Natürlich wollte Iwan ihm sofort zu Hilfe kommen, doch seine neue Bekannte klammerte sich mit solcher Inbrunst an ihn, dass er sich nicht bewegen konnte.
So schrie er nur: „Professor! Ihr Revolver! Schießen Sie! Feuer!“
„Aber, Iwan! Wir wissen doch, dass Kugeln nichts nützen! Doch halt!“
Van Helsing hielt inne.
„Was sagst du da eben, Iwan? Feuer? Ja, Feuer!! Das wäre eine Möglichkeit …!“
„Professor,“ gurgelte Jonathan mit letzter Kraft nach Atem ringend, „tun Sie was! Irgendwas!“
Das Ungeheuer hob den Jüngling am Hals empor wie eine Gans, die zu schlachten und zu füllen war.
„Du, Jüngling, sollst der erste sein, der eingeht in das Totenreich!“
Dem in der Luft Gebeutelten wurde schwarz vor Augen. Er würgte noch hervor: „Bi – an – an - ca … wo bist du? Wo …?“
Ein seltsames Leuchten ging über das durch die Jahrtausende verrunzelte Gesicht der Mumie.
„An-an-ka … meine Geliebte! Sie ist in Sicherheit - sie wartet auf Kharis Ma – in alle Ewigkeit!“
„Iwan!“ rief Van Helsing zu seinem treuen Diener hinüber. „Hast du Feuer?“
Der Russe, an dessen breite Brust sich noch immer die üppige Erszebeths presste, war irritiert.
„Da! Aber, Professor! Warum jetzt rauchen?“
Es gelang ihm tatsächlich, sich so weit aus Erszenebeths Armen zu lösen, dass er ein Streichholz entzünden konnte.
„Ich will doch nicht rauchen!“ erklärte Van Helsing, der sich an der Mumie vorüber zu seinem Diener schlängelte. „Ich will diesen verfluchten Papyrus verbrennen!“
Mit diesen Worten hielt er das uralte Dokument in die Zündholzflamme.
„Ha! Nein! Das darf nicht sein!“ schrie Kharis Ma – doch vergebens, denn das staubtrockene Papyrus fing sofort Feuer.
„Luft!“ gurgelte Jonathan, den die Mumie fahren gelassen hatte, um auf Van Helsing zu zu stapfen.
In diesem Augenblick trippelte der froschäugige Dr. Lorin die Treppe in seine unterirdische Schatzkammer wieder herunter.
„Was ist denn hier los?“
Mit einer strengen Handbewegung schickte der Museumsdirektor seine Sekretärin nach oben zurück. Erszebeth löste sich mit sichtlichem Bedauern von dem starken Iwan und lief die Treppe hinauf.
Erst jetzt entdeckte Lorin die hohe Gestalt der Mumie, die bisher hinter den drei Abenteurern verborgen gewesen war.
„Kharis Ma?“ hauchte er.
Der Uraltägypter schien sich vor Schmerzen zu winden.
„Du – das ist dein Werk!“ versuchte er auf den kleinwüchsigen Lorin zuzuwanken, der erschreckt aufkreischte: „Kharis Ma … nein! Nicht!“
Van Helsing kniff die Augen zusammen. Ihm war klar geworden, was hier vorgegangen war. Der Papyrus in seiner Hand war bis auf ein kleines Fetzchen verbrannt.
„Doktor Lorin! Sie haben die Mumie zum Leben erweckt?!“
Das unheimliche Wesen stimmt murmelnd zu: „Er war es, der mir das Leben zurück gab – aber was bedeutet es mir – ohne Ananka … Ananka, wo bist du?“
Wild ruderten seine Arme durch die Luft, immer langsamer und mühevoller wurden seine Bewegungen. In einem letzten Aufbäumen wankte die Mumie zu Doktor Lorin hinüber.
„Ich sterbe – endlich! Aber ich gehe nicht allein!“
Nur mit Mühe konnte Kharis Ma seine Arme heben. Er versuchte, seine krallenartigen Hände um den Hals des Museumsdirektors zu legen. Doch seine Bewegungen wurden immer fahriger und unkontrollierter.
Von dem Papyrus in van Helsings Hand war nur jetzt nur noch ein winziger Rest übrig, an dem die Flamme leckte.
„Wo hast du Ananka? - Sie … gehört … doch … mir!“
Kharis Ma griff mit einer unkontrollierten Handbewegung nach dem Gesicht Doktor Lorins.
Dabei geschah etwas Seltsames, Unheimliches, Grausiges - das Gesicht des Operndirektors schien zur Seite zu rutschen.
„Hee, halt – meine Maske!“ kreischte der merkwürdige kleingewachsene Mann.
Voll Entsetzen beobachtete Jonathan, wie hinter dem vorgeblichen Gesicht des Doktors, das in Wirklichkeit eine sorgfältig gearbeitete lebensechte Maske war, ein schrecklich verzerrtes und verunstaltetes Antlitz zum Vorschein kam.
„Mein Gott, was ist das?`“ stöhnte der junge Mann.
Mit der ersterbenden Flamme verlosch in diesem Augenblick das künstliche Leben der Mumie.
Iwan knurrte: „Mumie ist – !“
„Tot – anch – amun – aah!“ verröchelte das uralte Wesen aus Ägypten.
Entsetzt beobachteten Van Helsing und seine Freunde, wie Kharis Ma in atemberaubender Geschwindigkeit immer mehr einschrumpfte, vertrocknete und schließlich zu Staub zerfiel.
Doch mindestens den gleichen Schrecken verbreitete in diesem Augenblick das wahre Gesicht Doktor Lorins, das ihnen nun entgegen starrte.
„Was ist – mit seinem Gesicht?“ stammelte Jonathan Harker.
Van Helsing wollte etwas sagen, doch die nun eiskalt und schneidend klingende Stimme Lorins kam ihm zuvor.
„Das Gesicht, meine Herren? Das, was Sie für mein Gesicht hielten, ist nichts anderes als eine Maske!“
Mit einem schnellen Schritt stand Lorin an einer Wandverkleidung, die im selben Augenblick zur Seite glitt.
„Jawohl, eine Maske! Und bevor ich mich von Ihnen verabschiede, um zu der lieblichen Bianca zu eilen, sollen Sie noch wissen, mit wem Sie es zu tun hatten: mit mir, Lorin, dem Phantom der Oper!“
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Das „Hawelka“ und ich
Als ich zum ersten Mal das Café Hawelka betrat, ahnte ich nicht, in was für eine neue Welt ich kommen sollte. Ich war 20 Jahre alt und noch nicht einmal einen Monat in Wien. Ich war aus Deutschland hierhergekommen, weil ich auf keinen Fall zur Bundeswehr einrücken wollte – so etwas wie einen Ersatzdienst gab es damals noch nicht. Entkommen aus einem Eltern-Reihenhaus, einem humanistischen Gymnasium, einer norddeutschen Halb-Großstadt.
Wien kannte ich schon von einigen Ferientagen, kannte das Schloss Schönbrunn, die Wohnung meiner Verwandten in der Reisnerstraße im vierten Wiener Gemeindebezirk; ich kannte den Westbahnhof, an dem man von Deutschland aus ankam, praktisch seit seiner Erbauung, und ich kannte den Nordwestbahnhof, von dem aus man in meinen Geburtsort Hollabrunn fuhr, noch als Ruinenlandschaft. Was ich nicht kannte, war die Wiener Kaffeehauslandschaft, schon gar nicht das Hawelka.
„Das musst du kennen, wenn du in Wien bist,“ war die nachdrückliche Aufforderung, ausgesprochen in einem verrauchten Studentenlokal namens „Atrium“ in der Nähe des Schwarzenbergplatzes. Dorthin gingen damals praktisch alle Studenten irgendwann einmal, denn es gab kein anderes. Man erhoffte sich dort erste Kontakte in der neuen Heimat, vor allem Kontakte zu Angehörigen des weiblichen Geschlechts. Angeblich kamen ins „Atrium“ hübsche Mädchen auf der Suche nach schlauen Studenten. Mich suchte und fand dort eine hübsche junge Mutter namens Nicki mit vierjährigem Sohn und einem Ehemann, der viel unterwegs war. Doch das ist eine andere Geschichte.
So ging es aus dem „Atrium“ ins Hawelka. Für ein paar Jahre sollte es zu meinem Wohnzimmer werden, zu meiner kleinen Kreditanstalt, zu meinem Schnellimbiss. Die drei Ober, die damals durch das Kaffeehaus kreisten, Josef, Theo und Heinz, wurden meine Kreditgeber – wieso sie einem deutschen Studenten wie mir vertrauten, weiß ich nicht. Es waren wohl einfach andere Zeiten damals. Wenn mein Monatswechsel aufgebraucht war und die letzte Dose Thunfisch gegessen, dann gab es immer noch den Weg ins Hawelka. Gegen das feste Versprechen, die Schulden gleich am nächsten Ersten zurückzuzahlen, gab es für den hungrigen Studenten ein Paar Debrecziner und eine Flasche Bier als Notverpflegung am Abend, und zum Frühstück (und Mittagessen) Ham and Eggs oder eine Eierspeis von zwei Eiern.
Der erste Eindruck, den ich vom Café Hawelka bekam, war für den noch nicht Volljährigen aus Norddeutschland etwas befremdlich. So etwas hatte ich in Bremen noch nicht gesehen. Es war früher Abend, in der Dorotheergasse vor der Tür des Hawelka lagen schmutzigen Schneereste, den die vielen Füße in das Lokal hineintrugen. Auch mein Schuhwerk, das dem Wiener Wetter nicht genügte, war von dem Schneematsch vollgesogen, die angejahrten Sohlen leisteten kaum Widerstand. Nasse Socken waren an der Tagesordnung, an das Frösteln von unten her hatte ich mich schon gewöhnt.
So trat ich durch den schweren Vorhang aus dickem Loden, der das Café von der Nässe und Kälte draußen vor der Tür abschirmen sollte, die schwallartig mit jedem Gast dann doch ins Lokal drängte. Den Neuankömmling, der erst einmal orientierungslos um sich schaute, rempelte ein kleiner korpulenter Kellner – es war, wie ich schnell erfuhr, der Herr Josef – zur Seite, der mit mehreren kleinen Blechtabletts voller Kaffeetassen, Bierflaschen und Wassergläsern eine scharfe Kurve direkt an der Eingangstür nahm.
Ich muss wohl ziemlich versteinert da gestanden haben, denn mit einem Mal ergriff eine ältere Frau mit einer aufgelösten Dauerwelle als Frisur mit hartem Griff meinen Oberarm und säuselte mit schriller Stimme in mein Ohr: „Wollen Sie einen Platz?“ Doch im selben Augenblick ließ sie mich wieder los und verschwand hinter einer Tür schräg hinter mir, direkt neben dem Eingang. Von dort erklang ein schrilles Klingeln und kurz darauf die schrille Stimme meiner neuen Bekannten, die laut in die Rauchschwaden des Lokals hinaus rief: „Herr Neusser? Herr Neusser – Telefon!“
Die dick gepolsterte Tür dichtete die Telefonzelle gegen den ständigen Geröuschpegel des Cafés ab, drinnen konnte man nicht nur telefonieren und in außergewöhnlich dicken Telefonbüchern die nötigen Nummer nachschlagen, sondern man konnte auch angerufen werden! Eine Besonderheit, die ich bisher nur aus amerikanischen Filmen kannte, die aber für mich bald eine große Bedeutung gewinnen sollte. In den sechziger Jahren, von denen wir hier sprechen, hatte niemand ein Handy, und nur die wenigsten Studenten hatten eine Unterkunft, in der es ein Telefon gab. So gab ich schon bald als meine Telefonnummer die des Hawelka an.
Da ich das nicht alleine tat, klingelte das Telefon hier praktisch ununterbrochen, wenn nicht der eine oder andere Gast aus Geschäfte oder Liebesgeschäfte abwickelte und die Telefonkabine geraume Zeit besetzt war. Der Kaffeehausgast, der auf einen wichtigen Anruf wartete wie auf einem Bissen Brot, saß wie auf Kohlen. Legte der Telefonierer endlich auf und trat gemessenen Schrittes heraus, sprangen sofort drei Gäste gleichzeitig auf, um zum Telefon zu sprinten. Den Sieg errang der Nächstsitzende, und es gab Kaffeehausbesucher, die nach mehreren vergeblichen Versuchen die Hoffnung fahren ließen und lieber draußen im Regen nach einer freien Zelle suchen gingen. Andere stellten sich in der Nähe des Telefons auf, um eine günstige Pole Position zu gewinnen, wurden aber schnell vom grantelnden Ober Josef wieder auf ihren Platz gewiesen. „Das geht doch nicht! Das sehen Sie doch! Da kommt man ja nicht vorbei!“
An dieser Engstelle des Lokals stand ich also in diesem Jahre 1963, Menschen drängten an mir vorbei hinaus und hinein, der Ober umkurvte den Zeitungstisch, und die Chefin – das war die Dame mit der ramponierten grauen Dauerwelle – hatte den Herrn Neusser in die Telefonzelle befördert und wandte sich wieder mir zu, um mir einen Platz zuzuweisen. Freie Platzwahl gab es – wie so häufig – an diesem Tag nicht. Dem Auge des ungeübten Besuchers erschien das Café voll besetzt, doch Frau Hawelka gelang es immer, noch einen Gast auf eine der roten Plüschbänke zu klemmen. Ich landete auf dem äußersten Ende einer solchen Bank ganz in der Nähe des Eingangs und wartete auf den Ober.
Der Tisch mit den Zeitungen direkt an der Eingangstür erregte meine Aufmerksamkeit – so etwas hatte ich auch noch nie gesehen. In meinem bisherigen Leben gab es eine Tageszeitung, die mein Vater im Abonnement bezog, seit ich denken konnte: den „Weser-Kurier“. Sonst kannte ich vom Kiosk in der Nähe des Alten Gymnasiums noch die BILD-Zeitung und die „Hamburger Morgenpost“, die ich mir hin und wieder leistete, wegen der dort abgedruckten Comicstreifen mit den Peanuts und Willi Wacker (Popeye).
Hier im Hawelka hingegen gab es einen Berg von Tageszeitungen – von denen es damals noch deutlich mehr gab als heute – österreichischer wie deutscher, Provenienz (selbst die Neue Zürcher Zeitung war vorrätig), daneben Wochenblätter, Nachrichtenmagazine, Kulturzeitschriften – einfach alles, was ein Kaffeehausbesucher in stundenlangen Sitzungen studieren konnte. Die Zeitungen waren in hölzerne Zeitungshalter geklemmt, mit denen man sich ohne weiteres duellieren konnte, wenn zwei Gäste an einem kleinen Tisch großformatige Blätter zum Kaffee konsumieren wollten.
Hatten sich im Laufe des Tages zu viele Zeitungen an den Tischen und auf den Polsterbänken versteckt, drehte einer der Ober eine Runde durch das Lokal, sammelte das verloren gegangene Lesegut ein und türmte es wieder auf die wenigen verbliebenen Blätter auf dem Zeitungstisch. Wenn man Pech hatte, landete die Zeitung, die man suchte, ganz unten in dem Riesenkonvolut, und es konnte leicht vorkommen, dass beim Graben nach dem wertvollen Stück der ganze Berg ins Wanken geriet und vom Tisch kippte. Kopfschüttelnd und mit strengem Gesicht begleitete der Herr Josef dann die Bemühungen des Gastes, das Unglück wieder zu bereinigen.
Lag die gesuchte Zeitung jedoch günstiger weiter oben im Stapel, ergriff sie vielleicht trotzdem ein anderer Leser, knapp bevor man selbst zugreifen konnte, und behielt sie dann für eine gute Stunde bei sich. Und natürlich war es eine der Zeitungen, von denen es nur ein einziges Exemplar im Kaffeehaus gab. Eine traurige Angelegenheit!
Direkt hinter dem Tisch mit den Zeitungen, an der ersten Säule des Cafés stand der „runde Tisch“, um den bis zu zehn Stühle passten, wenn man eng zusammenrückte. Wenn, ja wenn man überhaupt zu diesem Tisch zugelassen wurde …! In der Hierarchie des Hawelka in dieser Zeit rangierte dieser Tisch sehr weit oben.
Die ganz große Hawelka-Zeit lag damals – wie eigentlich immer – ein paar Jahre zurück. Stets bekam (und bekommt vermutlich auch heute noch) der Erstbesucher zu hören: „Damals – vor zehn (acht – fünf) Jahren hättest du herkommen sollen – da saß hier noch der (ad lib) Doderer, Qualtinger, Oskar Werner (ad infinitum). So ging es uns in den frühen Sechzigern auch schon: die großen Zeiten waren vorbei – daran gab es nichts zu rütteln.
Der erste, der runde Tisch am Eingang hatte seine ganz eigene Prominenz – es waren keine berühmten Künstler, die dort saßen, es waren Angehörige der „besseren Kreise“, wohl auch manchmal von Adel (den es ja offiziell in Österreich gar nicht mehr gab), oft sehr reifen Alters und mit (natürlich echtem) Schmuck behangen. Gräfinnen und andere ältere Damen hielten dort Hof. Als frischer Gast ohne jeden noblen Hintergrund wurde man vom Ober sofort vertrieben, wenn man es wagte, sich an diesem Tisch niederzulassen. Es dauerte Monate, wenn nicht Jahre, bis man die nötigen Kontakte hatte, um an den Rand dieses Tisches rücken zu dürfen. Wenn man dann zuhörte, was gesprochen wurde, wunderte man sich innerlich, wozu man das eigentlich so lange sehnsüchtig erstrebt hatte.
Mein Hawelka (2)
Wo man im Hawelka Platz nahm, das war nicht immer eine Sache der eigenen Entscheidung – oft wurde man von der Chefin an einen Tisch gewiesen, an dem man niemanden kannte. Da hieß es dann ausharren, bis die anderen Gäste gingen und man eine selbst eine eigenen kleine Gemeinschaft bilden konnte. Wen lernte man im Hawelka kennen? Als Student natürlich erst einmal Mitstudenten, dazu kamen in meinem Fall junge notleidende Schauspieler und deren Begleiterinnen, verkannte Künstler mit zerwühltem Haupthaar, manchmal auch junge Ehefrauen auf der Suche nach einem Seitensprung – aber das waren glanzvolle Ausnahmen.
Das „Hawelka“ wurde mein Zuhause. Ich schrieb meinen Eltern die vertrauenerweckenden Zeilen: „Man setzt sich am Vormittag hinein, bestellt einen kleinen Braunen um 4,- öS, bleibt bis zum Abend dort, geht zwischendurch essen, schreibt und liest dort, man trifft Leute und bekommt, so oft man will, noch ein Glas Wasser. Es ist schon eine herrliche Einrichtung, das Kaffeehaus.“
Wahrscheinlich haben meine Eltern sich das Dasein eines fleißigen Studenten anders vorgestellt, aber für mich war dieses Leben eines jugendlichen Bohemiens einfach „cool“, wie man später dazu gesagt hätte. – Für dieses Leben reichte der Scheck von zu Hause vorne und hinten nicht aus. Gottseidank war das Hawelka damals auch so eine Art Jobbörse für Studenten in Geldnöten. Mein wichtigster „Kontaktmann“ wurde ein Musikstudent namens Elmar Prack – nicht verwandt mit dem berühmten Rudolf gleichen Nachnamens. Neben seinem Studium und der andauernden Jagd nach dem schönen Geschlecht hatte Elmar eine Einnahmequelle gefunden, die auch für mich interessant werden sollte. Er war Komparse am Wiener Volkstheater – und das galt im Hawelka schon etwas!
Eines Tages kam er mit der Nachricht ins Café gestürmt, dass „die Amerikaner“ in Wien waren. Tatsächlich drehte im Frühjahr 1963 Otto Preminger hier einige Szenen für seinen Spielfilm „Der Kardinal“ . Romy Schneider, Peter Weck und Josef Meinrad bestritten wichtige Parts in der Wiener Episode. Und nun hieß es, die Amerikaner suchten auch jede Menge Komparsen. Angeblich sollte auch gut gezahlt werden – mehr als sonst in Wien üblich. Die Rede war von Koparsengagen zwischen 300 und 500 Schillingen – wenn man von Zuhause 2.000 Schilling bekam, war das ein ordentliches Zubrot.
Das Hawelka brodelte im Gerüchtefieber: junge Soldaten würden gesucht, SS-Männer – für einen, der gerade vor der Bundeswehr geflohen war, nicht die erstrebenswertesten Rollen. Aber dann kam die nächste brandheiße Information: es sollte ein Ball gedreht werden, und dafür benötigten die Amis einen ganzen Saal voll walzertanzender Jugend. Außerdem sollte es für die Tänzer sogar noch eine Zulage geben – noch mehr leicht verdientes Geld wie es schien. Walzer – nun, das war in der Tanzschule in Bremen nicht gerade mein Lieblingstanz gewesen, doch in langen Diskussionen im verrauchten Hawelka waren wir uns bald einig, dass das schon klappen würde mit dem Tanzen. Zur Not konnte man ja auch noch eine Partnerin finden, die einem vor dem Dreh Nachhilfe gab.
Es kam der Tag des „Castings“ – das damals noch nicht so hieß. Mehr als 300 junge Menschen beiderlei Geschlechts hatten sich gemeldet. In einem Studio am Rosenhügel wurden die Kandidaten für den Balltanz an die Wand gestellt (im wahrsten Sinne des Wortes), und so kam ich mir auch vor.
Es war kalt in Wien, aber hier drinnen stand mir der Schweiß auf der Stirn. Die Partnerin, die mir – nach der Größe, nicht nach Sympathie - zugeteilt worden war, verfügte leider über keinerlei didaktisches Talent, sondern wollte nur selbst brillieren. Gnadenlos ließ sie mich an meinem eigenen langen Arm verhungern. Selbst der Einsatz des renommierten Ballettmeisters Frenzel von der Wiener Staatsoper nützte nichts. Zwar hörte ich seine Anweisungen, allein mir fehlten die notwendigen Tanzschritte.
Bei der Auswahl durch die Filmleute ein paar Tage später ging es mir keineswegs besser. Hilflos stolperte ich über das Parkett und wurde nach kürzester Zeit des Saales verwiesen. An der sich schließenden Hohen Tür versicherte mir der Komparsenführer, den ich entfernt kannte, dass sicher noch etwas für mich den Uniformierten drin wäre. Doch davon hörte ich nie wieder etwas. Einige Freunde, die man in Nazi-Uniformen gesteckt hatte, berichteten von den Dreharbeiten: sie „fuhren mit uralten Autos durch die Gegend, während Peter Weck gerade aus dem Fenster stürzt,“ notierte ich damals. Den Film „Der Kardinal“ habe ich mir aus Rache niemals angesehen. Und im „Hawelka“ war der Dreh sowieso in kürzester Zeit wieder Schnee von gestern.
Denn nun kamen die guten Beziehungen meines neuen Freundes Elmar zum Volkstheater zum Zuge: in dem Stücke „Eiche und Angora“ fehlte ein hochgewachsener junger Mann, der während der Nazizeit an die im Titel erwähnte gefesselt werden und – allerdings hinter der Bühne – dann auch umgebracht werden sollte. Ich glaube, ich hatte sogar einen Satz zu sagen. Elmar selbst hatte nicht die nötige romantische Erscheinung und stand außerdem in der „Mutter Courage“ auf der Bühne, so kam ich zum Zuge.
Doch im „Hawelka“ passierten weitere einschneidende Dinge. Ich lernte einen Studenten von der Filmakademie namens Gabor kennen, der angeblich im Jahr zuvor das beste Drehbuch der Akademie geschrieben. Als angehender Jungdichter hatte ich natürlich immer ein paar eigene Texte zur Hand, die ich besagtem Gabor zeigen durfte. Er gab mir den Rat, doch einmal ein Drehbuch zu schreiben – damit kannte er sich aus und versprach mir, es durchzuschauen und mir zu sagen, was noch nicht in Ordnung sei. Ich weiß nicht mehr, ob es je dazu kam, aber vermutlich wäre es Gabor leichter gefallen, mir die Stellen im Drehbuch zu zeigen, die „in Ordnung“ waren.
Meinen Eltern schrieb ich damals voll Begeisterung über das „Hawelka“ und die Prominenz, die ich selbst jedoch nie zu Gesicht bekam: „Es ist eine Art Künstlerklause, wo auch ab und zu bekannte Leute hinkommen wie der Hans Weigel, Heimito von Doderer, Fritz Hochwälder. Und Schauspieler wie der Oskar Werner.“
Für mich war das „Hawelka“ das Wohn- und Arbeitszimmer, wenn ich nicht in einer Vorlesung saß. „Denn in meinem Zimmer halte ich es nie lange aus!“ Das Gefühl teilte ich mit vielen der Kaffeehausbesuchern, die ich kannte. Man lebte damals in möblierten Zimmern bei missmutigen Vermieterinnen, für die Heizung musste man selbst sorgen – da gab es einen gusseisernen Ofen, der zwar Briketts fraß, aber keine Wärme daraus ableitete. Da war ein gut geheiztes Kaffeehaus in jedem Fall die angenehmere Bleibe. Nach einem Monat musste ich dieses Quartier gleich wieder aufgeben, weil die Vermieterin wegen „einer Herzgeschichte ins Spital“ musste, und ihr Sohn ebenso „wegen eines Ekzems an den Händen“. Der Versuch, mit Elmar und dem Schauspieler Klaus Münster eine möblierte Dreizimmerwohnung im 9. Bezirk zu ergattern, scheiterte – woran, weiß ich nicht mehr.
Jedenfalls zog ich nicht zu den beiden Mimen, sondern zu dem Salzburger Werber Walter Lürzer, der damals auch „Hawelka“-Stammgast war und später zu einem der bekanntesten deutschen Werbegurus werden sollte. Er bewohnte eine Wohnung weit draußen an der Reichsbrücke, wo er selbst jedoch selten war. So konnte ich dort eine Zeitlang bleiben – ungünstig war nur der weite Weg ins „Hawelka“. Pläne wurden dort aber weiter geschmiedet: Walter ;Lürzer hatte den Plan, eine Zeitschrift für Mädchen zwischen 16 und 25 herauszubringen, die „Boutique“ heißen sollte, und schon war ich dabei. Im „Hawelka“ ging einfach alles - bzw. nichts, denn aus diesem Plan wurde natürlich auch nichts.
Natürlich saß man auch manchmal im Hawelka, mit sich und der Welt völlig im Unreinen. Weltschmerz und eigenes Leid hingen schwarz über dem Kaffeehausbesucher an seinem Tisch, und er versenkte sich lange Stunden in bitteren Kaffee und noch bitterere Gedanken.
Wenn man Anfang Zwanzig ist, kommen dabei häufig Gedichte zu Papier, über die man in reiferem Alter bestenfalls noch den Kopf schütteln kann. Oder? Ist vielleicht doch manch Wahres an dem, was man damals schrieb?
Im Café
Wir sitzen
Im Café Egal
Und schauen
Uns an
Und sehen
Uns nicht
Und trinken
Unser Blut
Mit Milch
Und viel Zucker.
Rauchen
Unseren
Letzten Atem
Und lesen
In der Zeitung
Unsre
Todesanzeigen.
Der Ober Josef nahm es jedenfalls bald recht wohlwollend zur Kenntnis, wenn der junge Literat Kugelschreiber und Papier auf den Tisch breitete. Er stellte die Wassergläser dann höchst vorsichtig daneben, um das Blut des Dichters nicht mit schnödem Leitungswasser zu verwaschen. Die Gedichte bekam er genauso wenig zu lesen wie sonst jemand.
Der Dichter
Die überaus traurige Geschichte vom Untergang einer Familie
Motto: Wer immer strebend sich bemüht, den sehen wir gern dösen.
(„Faust“, unterdrückte Fassung)
Es saß in Wien im Hawelka
Ein Dichter zwanzig Jahre.
Verließen auch die Haare
Den Dichter dort im Hawelka,
er dichtete dort vor sich hin.
Doch dies Familienübel
Befördert‘ in den Kübel
Gevatter und Gevatterin.
Der Vater starb an Diphterie,
die Mutter an der Pest.
Der Bruder starb in Brest
(ein Hamster biss ihn dort ins Knie).
Den zweiten Bruder, Adalbert,
traf des Geschickes Macht
in Stanleyville bei Nacht,
ihn trat ein altes Pferd.
Die blonde Schwester Adelheid
Ging sorglos auf den Strich,
woselbst sie schnell verblich;
(sie war ja nie besonders g’scheit!).
Auch Großpapa und seine Frau –
Die beiden waren achtzig –
Sie haben unbedacht sich
Gestürzt in einen Topf Kakao.
Der Onkel Theo, ohne Scham,
versank mit fünfzehn Kindern,
um seinen Schmerz zu lindern,
im Rhein, was man ihm übelnahm.
Die Tante Elli aus Hernals –
Sie war schon immer schüchtern,
drum starb sie auch nicht nüchtern –
fand man mit einem Strick am Hals.
Jedoch es saß im Hawelka
Der Dichter noch zehn Jahre,
bis dass auch ihn die Bahre
heraustrug aus dem Hawelka.
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Immer wieder schlagen sich Fans dieser Hörfunk-Parodien auf “Star Wars” und “Frankenstein” zu mir durch. Ich hoffe, daß diese Mitteilung es für alle leichter macht, die mich und meine Werke im Internet suchen. Die Sendungen liefen damals (80er Jahre) im WDR und wurden von einigen ARD-Anstalten übernommen. Ich habe sie (wie das Meiste aus meinem Schaffen) digital archiviert und stehe Anfragen grundsätzlich positiv gegenüber!
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Nun kommt also “Dallas” wieder - das erinnert mich an meine Hörfunk-Parodie zu dieser TV-Serie in den 80er Jahren: “Nix Dolles” mit meinem unvergessenen Freund Diether Krebs in der Rolle des “Dschä-arr”. Die Serie spielt in Ostfriesland (Wo sonst?) - wer sich dafür interessiert, bitte melden!
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Man kann es gar nicht fassen: da marschiert ein Killer in Norwegen los, um die Welt von seinen bekloppten Ideen zu überzeugen und bringt dabei hundert junge Menschen um. Und in den USA sträuben sich die bekloppten Republikaner gegen Schulden, die ihr George W. Bush mit seinem idiotischen Krieg gegen den Irak selbst verursacht hat. Dreht die Welt jetzt komplett ab oder was?
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Aus meinen gesammelten Werken habe ich wieder ein paar Kapitel “Einmal Transsylvanien und zurück” hochgeladen. Viel Vergnügen!
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2. Kapitel: Willi, der Werwolf
Wie erstarrt hatte Jonathan der Entführung Biancas zugesehen, ohne auch nur den sprichwörtlichen kleinen Finger zu rühren. Jetzt aber zuckte es in eben diesem Glied des beraubten Bräutigams, wenig später in der ganzen Hand, und schließlich riß Jonathan den Arm hoch und deutete hinüber zu dem finsteren Wald, in dem das schreckliche behaarte Wesen eben mit seiner Braut verschwunden war. Am liebsten wäre er aus der Kutsche und dem Entführer nach gesprungen!
„Professor van Helsing! So tun Sie doch etwas! Dieses – dieses Untier - es hat meine Braut!“
Die Antwort des Vampirjägers wirkte gleichmütig – viel zu gleichmütig, als er mit einem Kopfnicken sagte: „Ja, es ist so, meine lieber Jonathan: aber was soll ich machen! Gegen einen Werwolf kann man kaum etwas tun, wenn man keine geweihte Silberkugel hat!“
Aus der Ferne erklang das schauerliche Geheul des anscheinend unüberwindbaren Ungeheuers. Und Jonathan meinte auch die zarte Stimme seiner Verlobten zu hören, die ihn höchster Not „Jonathan!“ schrie.
Der junge Mann stützte seinen Kopf hilflos in die Hände, und zwei blanke Tränen liefen seine roten Backen herab.
„Mein Gott! Gerade hatten wir Bianca gerettet – und nun das!“
Der Professor nickte.
„Sie sagen es! Aber so kann es der verfolgten Unschuld nur zu leicht ergehen! Gottseidank hat Ihre Bianca Torturata treue Freunde, mein lieber Jonathan! Freunde, auf die sie sich verlassen kann! – Nicht wahr, Iwan?“
Der treue Diener war vom Kutschbock herabgestiegen, stand neben der Kutsche und spähte zu dem Wald hinüber.
Am liebsten hätte er sich augenblicklich ins Gebüsch gestürzt, um die Verfolgung der verfolgten Unschuld aufzunehmen. Durch seine langjährige Tätigkeit für Professor van Helsing hatte sich Iwan einen beträchtlichen Wissensschatz in Fragen der Bekämpfung sinistrer Unwesen angeeignet .
„Iwan wird sofort gießen Silberkugeln, junger Herr, wann wir wieder sind in Dorf! Sie werden bringen Werwolf den sicheren Tod!“
Der Gehilfe des Vampirjägers war zu dem jungen Mann getreten und legte ihm jetzt schützend den Arm um die Schulter.
„Junger Herr, Iwan hat einmal gekannt einen Werwolf, der war im bürgerlichen Leben kaufmännischer Angestellter, mit Namen Kratochwil, Boleslaw, und wenn er gelöst hat gewisse verzauberte Schnalle an seinem Gürtel, nahm er an Gestalt von Wolf. Hat er gefressen Schafe und junge Pferde, und einmal hat er solchen Hunger gehabt, daß er sogar verspeist hat einen Menschen!“
Jonathan sah entsetzt auf.
„Ja, aber um Gotteswillen!“
Mit vor Schreck geweiteten Augen drehte sich Jonathan zu Alexander van Helsing um. „Meinen Sie, er wird Bianca – auffressen?!“
Bevor der Monsterjäger antworten konnte, besänftigte sein russischer Gehilfe den aufgeregten Jüngling.
„Aber nein, junger Herr muss keine Angst haben! So schönes Mädel, wie Fräulein Bianca ist, Werwolf schleppt in seine Höhle! So Werwolf ist auch nur Mensch – gewissermaßen, weil irgendwie mal gewesen – und hat er auch Herz! Iwan hat gehört, dass in den Karpaten soll einmal Werwolf gegeben haben, der sich verliebt in eine Schäferhündin. Hieß Rexona, glaub‘ ich - !“
„Schluß jetzt mit deinen Räuberpistolen!“ fiel dem dahinschwätzenden Russen sein Dienstgeber ins Wort.
„Wir müssen überlegen, was wir tun können, um der armen Bianca Torturata zu helfen!“
Geflissentlich half Iwan dem Professor und Jonathan wieder in die Kutsche.
„Mein Reden, Herr Professor! Iwan wird erst einmal Silberkugeln gießen!“
Er schwang sich auf den Kutschbock.
„Dawai, Herr Professor!“
Der schwere Kutschwagen war kaum eine Viertelstunde durch den Wald gerüttelt, als Iwan seine Pferde mit einem gewaltigen „Brrrr!“ zum Stehen brachte.
„Was ist denn nun schon wieder?“ fragte der Professor ärgerlich.
„Da drüben, Herr! Der Wegweiser!“
Jonathan und Van Helsing entdeckten einen windschiefen Pfosten an der Weggabelung, an dem ein Schild müde herab hing.
„Was ist damit?“ fragte Jonathan.
Der junge Mann war des Transsylvanischen in Wort und Schrift noch längst nicht ausreichend mächtig, um die Aufschrift zu entziffern.
Ganz anders der Professor.
„Sehr gut, Iwan! Immer wieder verblüffend, deine Sehstärke!“
„Was steht denn nun dort auf der Tafel, Professor ?“ fragte Jonathan drängend.
„Iwan – sag du es dem jungen Mann!“
„Steht drauf: zur Wolfsschlucht – drei Meilen!“
„Also vorwärts!“ rief van Helsing zum Kutschbock hinauf, und schon hieb Iwan mit seiner schweren Peitsche auf die Rücken der Pferde ein, die den Wagen vor Schreck mit einem heftigen Ruck vorwärts rissen. Jonathan und Van Helsing plumpsten in die Kissen zurück, und die Kutsche rüttelte über den noch schmaleren und holprigeren Weg in die Wolfsschlucht hinein.
Dieses enge Tal ähnelte in gewisser Weise der Durchfahrt zum Schlosse Drakulas, die sie gerade hinter sich gelassen hatten, war jedoch bei weitem nicht so ekelerregend wie die Umgebung der Vampirbehausung. Wären sie nicht als Verfolger eines Werwolfs unterwegs gewesen, hätte es Jonathan in diesem grünen Urwald sogar gefallen können, der einer typisch englischen Parklandschaft nicht unähnlich war. Gewaltige Laubbäume wechselten mit dichtem Tannengehölz, und hin und wieder öffnete sich der schattige Wald zu einer besonnten Lichtung.
Sie mochten vielleicht zweieinhalb Meilen zurückgelegt haben, als vor ihnen eine herrische Stimme erklang.
„Halt! Stehenbleiben! Im Namen des Fürsten Ottokar gebiete ich Euch: Halt!“
Der treue Iwan war ungehalten.
„Geh schön zur Seite, du Trottel von einem Forstgehilfen, und laß uns durch -!“
Der Kutsche war ein grün gewandeter junger Mann in den Weg getreten, der nicht nur einen schicken Försterhut auf dem Kopf, sondern auch eine augenscheinlich geladene, doppelläufige Büchse im Arm trug. Sein blonder Schnurrbart war frisch gezwirbelt, und die Enden kitzelten die langen Ohrläppchen des Waidmanns.
„Durch?“ fragte der junge Förster lächelnd. „Und wohin durch?“
Jonathan und der Professor waren aus der Kutsche gestiegen und hatten erleichtert festgestellt, daß ihnen diesmal kein Ungeheuer den Weg versperrte.
„Verzeihen Sie, guter Mann, aber wir müssen unbedingt in die Wolfsschlucht …!“
Der Grüngekleidete zuckte bedauernd die Schultern.
„Das ist zur Zeit leider nicht möglich!“
„Warum nicht?“ knurrte Iwan unwillig vom Bock herunter. „Und wer bist du überhaupt, Grünrock?“
Mit einer um Vergebung bittenden Geste lupfte der Förster seinen Hut.
„Verzeiht, wenn ich mich nicht vorgestellt habe. Mein Name ist Max Knäcker. Ich bin der Erbförster hier in den Wäldern des Fürsten Ottokar, der im Augenblick gerade dem Chor der Forstadjunkten lauscht. Hört Ihr?“
Tatsächlich vernahmen die drei Reisenden nun die Stimmen eines Männerchors, die aus der Tiefe des Waldes zu ihnen herüber klang.
- - -
Doch nicht nur die Männer, die auf der Suche nach der verschwundenen Bianca Torturata waren, hörten den Gesang der Waidmänner, auch sie selbst – und ihr Entführer, der mit einem wütenden Knurren seinen behaarten Kopf mit den spitzen Ohren und eben solchen Zähnen hin und her warf.
„Grrr – nun singen sie wieder – da unten, diese Jägerrrrr ….!“
Das unheimliche Wesen hatte sein Opfer weit hinauf in den Bergwald geschleppt, hatte die dicht stehenden Stämme der Buchen und Tannen hinter sich gelassen . Jetzt machte er mit seinem Opfer Halt auf einer kleinen sonnigen Lichtung zwischen Krüppelkiefern und anderen Latschen.
„Was er nur mit einem Mal hat, der Werwolf?“ fragte sich Bianca, während sie versuchte, ihre Kleidung provisorisch in Ordnung zu bringen.
Als hätte das Ungeheuer ihre Gedanken gelesen, wandte es sich zu dem schönen Mädchen um, das er hierher verschleppt hatte.
„Grrr,“ knurrte er, „nicht einmal hierr kann man in Rrruhe leben – als Wolf unter Wölfen – grrr …!“
Sein Knurren ging in ein tiefes gutturales Gurgeln über, das fast ein bißchen traurig klang und augenblicklich Biancas Herz rührte.
„Ja, hast du denn früher nicht unter Wölfen gelebt, Wolf?“ fragte sie mit leicht bebender Stimme.
Der Werwolf schaute sie aus seinen gelben Schlitzaugen an.
„Wenn du es unbedingt wissen mußt – grrr – nein!“
Nun war das junge Mädchen neugierig geworden.
„Wo kommst du denn her?“
Das behaarte Wesen kam näher, doch Bianca Torturata verspürte mit einem Mal keine Angst mehr, sondern fast so etwas wie Mitleid.
„Lange Jahrrre habe ich im Dschungel der Grrroßstadt gelebt,“ knurrte der Werwolf, „im fernen Francoforte! Da gab es noch ein Nachtleben damals – genau das Rrrichtige für einen Werrrwolf, der nächtens durch die Strrraßen strrreift und tagsüberr im Stadtwald rrruht….! Aber dann wurde die Stadt immer grrrößerr und Wald immer kleinerrr. Der Mond über der Stadt war nurrr noch eine nackte Kugel, und fühlte ich mich nicht mehr wohl! So habe ich mich auf den Weg gemacht, hierher nach Transsylvanien – über Aschaffenburrrg – Würrrzburrrrrg – Nürrrrnberrrrg – Rrrrregensburrrg - !“
„Ja, gut, gut“ unterbrach ihn das junge Mädchen, das noch nie am Fahrplan der europäischen Eisenbahnen interessiert gewesen war.
„Und lebst du denn schon lange hier?“
Der Werwolf hatte sich zu Füßen Biancas niedergelassen, kreuzte seine mächtigen Pfoten und legte den Kopf mit dem reißenden Gebiß darauf. Seine Augen nahmen einen verträumten Glanz an, als er zu ihr aufschaute.
„Oh ja,“ brummte er, „gerrraume Zeit! Und immerrr ganz allein – dorrt oben, in meiner Wolfshöhle – ganz allein! – Mit Wolfsweibchen konnte ich nie etwas anfangen – sie sind so – wie soll ich sagen – tierisch schlicht gestrickt!“
Seine gelben Augen blinkten zu Bianca herüber. „Mit dir allerrrrdings, da ist das etwas ganz anderrres …!“
Das junge Mädchen kicherte verlegen. Noch nie hatte sie solch ein Kompliment von so einem wilden Wesen bekommen.
„Ach, übrigens – wie heißt du eigentlich?“ fragte sie mit einem koketten Augenaufschlag. „Ich heiß Bianca! Bianca Torturata!“
„Ich hieß früher einmal Wilhelm …!
„Willi!“ kicherte Bianca. „Willi, der Werwolf!“
- - -
Es waren rund 25 Förster im grünen Kleide, die auf einer Lichtung weiter unten in der Wolfsschlucht den Fürsten Ottokar umstanden, der in einem schlichten roten Mantel mit Hermelinbesatz ihren Gesangsvortrag entgegen genommen hatte. Fürst Ottokar war nicht mehr der Jüngste, und das Anhören von Jägerchören war eines der wenigen Vergnügen, die ihm noch geblieben waren.
Seine dichten weißen Haare und sein ebenso weißer Backenbart machten dies ebenso deutlich wie sein leicht tatteriger Gang und seine ein wenig senil quäkende Stimme.
„Danke, danke vielmals, Männer – liebe Jägersleut‘ – für diesen erhebenden Kunstgenuß! Ihr habt Eurem Fürsten Ottokar damit wahrhaftig eine große Freude gemacht, und …“
Hier stockte der Fürst, diesmal nicht aus Gründen seiner Altersdemenz, sondern weil er die Neuankömmlinge gesehen hatte, die von seinem Förster Max auf die Lichtung geführt wurden.
„Oh – ich sehe, wir haben Besuch bekommen?!“
Der Professor drängte sich unauffällig nach vorn und richtete das Wort an den Fürsten.
„Ich darf mich vorstellen, Fürst Ottokar: Van Helsing ist mein Name, Professor van Helsing – Sie haben sicher schon von mir gehört - ?!“
Ottokar wackelte mit dem Kopf – oder schüttelte er ihn?
„Leider nein,“ bedauerte der Altadelige, „aber wissen Sie, ich geh‘ ja so selten unter die Leute … seit damals mein Sohn …“ Ein heftiges Schluchzen erstickte die Worte Fürst Ottokars, und er schneuzte sich kräftig in seinen Hermelinmantel.
Jonathan zischte dem neben ihm stehenden Max zu: „Was hat der denn? Was ist mit seinem Sohn geschehen?“
„Der junge Herr Graf ist schon seit Jahren verschollen!“ zischte Max zurück. „Ich weiß es noch wie heute: ich hatte ihm gerade die Pferde gesattelt – da war er weg! Mit einem Mal!“
„Ach?“ sagte Jonathan interessiert.
„Aus dem Schloß des Fürsten verschwunden! – Und seither hat ihm niemand mehr gesehen!“
„Ach?“ echote Iwan, der zu den beiden getreten war.
„Und hat er denn gar nichts gesagt, bevor er das väterliche Schloß verlassen hat?“ wunderte sich Jonathan. „Etwas, woraus man schließen könnte, warum er fort ist und wohin er sich gewandt hat!“
Max zögerte einen Moment.
„Wißt Ihr, der junge Herr Graf – nun, er trank gerne einmal ein Glas mehr als ihm eigentlich gut tat. So war es auch am Abend, bevor er verschwand. Als ich ihm eine frische Flasche Rotspon brachte, und er schon ziemlich illuminiert war, da hat er etwas gesagt …!“
„Ach ja?“ erklang es zweistimmig von Jonathan und Iwan.
„Mein Alter – sagte er, und damit meinte er seine Hoheit, den Fürsten Ottokar – mein Alter, der kann mir mal im Mondschein begegnen!“
Die beiden Zuhörer schüttelte den Kopf über so viel Unbotmäßigkeit aufrührerischer Jugend.
„Ja, und am nächsten Morgen war er verschwunden!“ nickte Max, „Seither findet unser Fürst bei Vollmond keinen Schlaf mehr!“
Ottokar, der bisher still zugehört hatte, warf sich bei diesen Worten an die Schulter Professor van Helsings und schluchzte haltlos: „Mein Sohn! Wo mag er nur sein? Wird er mir heut‘ vielleicht begegnen – im Mondschein?“
„Es könnt tatsächlich sein,“ knurrte Iwan nachdenklich, „heute ist wirklich Vollmond!“
Jonathan hatte sich neben van Helsing geschoben, der den weinenden Fürsten vorsichtig an die Schulter eines der herumstehenden Förster lehnte.
„Eine eigenartige Geschichte, Professor van Helsing, finden Sie nicht?“
Der Vampirexperte nahm den Jüngling beim Arm und zog ihn aus dem Kreis der Grünröcke heraus.
„Und ob, mein lieber Jonathan,“ murmelte er leise, „ Sie wissen gar nicht, wie eigenartig - besonders dann, wenn man – wie ich – einiges weiß über die Lykanthropen!“
„Über wen?“ fragte der junge Harker verdutzt.
„Über die Werwölfe!“
War es ein Zufall, daß in eben diesem Augenblick wieder ein ziemlich schauriges Geheul durch den Bergwald klang, das auch die ältesten Förster zusammenzucken ließ. Sogar der gewiß schon teilweise taube Fürst Ottokar merkte auf.
„Habt Ihr’s gehört, meine treuen Gefolgsleute? Die Wölfe heben an zu heulen! So wird denn auch bald der Mond aufgehen – und Ihr alle, Ihr haltet die Augen offen, und achtet darauf, ob mein lieber Sohn nicht einem von Euch in dieser Nacht … im Mondschein begegnen wird!“
Die Sonne war untergegangen, und Jonathan fröstelte – vor allem beim Gedanken an seine Braut, die irgendwo da draußen war – ohne warme Kleidung und in den Klauen eines grausamen Wolfsmenschen.
Mit einem zustimmenden Gemurmel begannen sich die Begleiter des Fürsten paarweise in den Wald zu zerstreuen. Van Helsing trat noch einmal zu Ottokar, der allein schluchzend und irgendwie unschlüssig in der Mitte der Lichtung stehen geblieben war.
„Fürst - ?!“
Der schneuzte sich ein weiteres Mal in seinen Hermelinmantel.
„Verzeiht mir meinen Gefühlsausbruch! Kann ich Euch irgendwie helfen? Was ist es denn, das Ihr sucht – hier in der Wolfsschlucht – Professor – äh – wie war noch Ihr Name?“
„Van Helsing, Exzellenz! Professor van Helsing! Wir suchen hier – in der Wolfsschlucht – einen Wolf – einen ganz speziellen Wolf …!“
„Ach, wissen Sie, lieber Freund – hier bei uns gibt es so viele Wölfe – da wird Ihr spezieller gewiss auch darunter sein! Mein lieber Max ist übrigens auf diese Tiere geradezu spezialisiert!“
Der junge Förster schlug die Hacken zusammen und salutierte leicht. Seine Schnurrbartspitzen zitterten.
„Ah ja – sehr schön, junger Mann! Mein Name ist Van Helsing! Professor van Helsing – Sie haben sicher schon von mir gehört - ?!“
Bedauernd schüttelte der Förster den Kopf. „Leider nein, Herr Professor! Wissen Sie, bei uns daheim, auf der Rax - !“
„Na gut,“ fiel ihm der Professor ins Wort, „Sie sind also Spezialist für die Wolfsjagd hier?“
Wieder salutierte Max. „Jawohl, Herr Professor!“
Iwan nickte zustimmend. „Spezialisten – immer gut!“
Van Helsing legte seine Arme um Max und Jonathan und begann auf die beiden jungen Männer einzureden. Iwan, der sah, daß der senile Fürst unschlüssig auf der Lichtung stehen geblieben war, geleitete den alten Herrn mit fürsorglichem Arm hinter den Dreien her.
Van Helsing schaute sich immer wieder unruhig um, als befürchte er, dass der gesuchte Werwolf jeden Augenblick aus dem Unterholz brechen könnte. Auf seine Frage nach einem geeigneten Besprechungsort schlug Max spontan sein eigenes kleines Forsthaus vor, das ganz in der Nähe lag.
Nur wenig später, in der beginnenden Abenddämmerung, langte die Gruppe vor dem verschnitzten Holzhaus mit den vielen kleinen Verzierungen und verschnörkelte Balkonen an, das Jonathan entfernt an eine Kuckucksuhr erinnerte, die eine entfernte Tante von einem Kuraufenthalt im Schwarzwald mitgebracht hatte.
Tatsächlich hatte der transsylvanische Zimmermann, der das Haus vor Jahren gebaut hatte, einen Teil seiner Wanderjahre genau dort im deutschen Südwesten verbracht.
Als die Gruppe sich dem Hause näherte, sahen sie in der Abenddämmerung auf einem der Balkone eine junge Frau stehen, die ihnen mit einer lieblich lispelnden Stimme „Kuckuck“ zurief.
Als die Männer zögerten, erklärte Max stolz: „Meine Frau Agathe!“
Die Förstergattin servierte wenig später in einem prächtig dekolletierten Dirndlkleid den Kaffee, während Professor van Helsing den jungen Förster fragte: „Sie kennen noch die traditionelle transsylvanische Wolfsjagd, Herr Max?“
„Zu Befehl, Herr Professor, ja!“ antwortete dieser entschlossen und schüttete eine kräftige Portion Slibowitz in die Kaffeetassen.
Neugierig fragte Jonathan Harker: „Die traditionelle transsylvanische Wolfsjagd? Ja – wie geht denn die?“
Van Helsing nickte dem Förster aufmunternd zu.
„Wir nehmen einen Lockvogel, mein Herr! Ein Rotkäppchen!“
„Ein – Rotkäppchen?“
„Zu Befehl, ja! Im Allgemeinen nehmen wir dazu meine Frau Agathe!“
Die junge Frau errötete ein wenig und mit ihrem herzförmigen Mündchen lispelte: sie „Wie du meinst, mein Max!“
„Aber – wenn ich fragen darf: wieso Rotkäppchen?“ erkundigte sich der immer wissensdurstige Jonathan.
Agathe war in das Haus verschwunden und einen Augenblick später wieder heraus getreten. Jetzt trug sie einen breitkrempigen Hut, der mit drei großen roten Bollen verziert war.
Verschämt wandte sie sich an die Besucher: „Ich weiß gar nicht, ob diese Kopfbekleidung mir wirklich steht! Was finden Sie, meine Herren?“
„Ja, also – ganz wunderbar, finde ich - !“ stotterte Jonathan, „Was meinen Sie denn, Professor?“
Bevor der gute van Helsing antworten konnte, ließ sich Max in einem deutlich entschlosseneren Ton vernehmen: „Genug mit diesen Faxen, Agathe! Der Hut steht dir prima! Ab damit in die Wolfsschlucht! – es ist doch selbstverständlich, dass wir diesen fremden Herrschaften bei der Wolfsjagd behilflich sind, wenn unser Herr, der Fürst Ottokar, das so wünscht!“
Der hatte die ganze Zeit über anscheinend teilnahmslos in seiner Kaffeetasse gerührt, richtete sich jetzt aber abrupt auf und schüttete sich mit einer hastigen Bewegung das heiße Getränk über die traditionelle Robe.
„Und ob ich’s wünsch! Die fremden Herren sollen sehen, daß wir hier in Transsylvanien keineswegs hinterm Mond leben - !“
In diesem Augenblick warf dieser seine ersten bleichen Strahlen durch das kleine Fenster des Försterhauses. Den Fürsten kamen beinahe augenblicklich wieder die Tränen.
„Die Nacht bricht ein – mein Sohn, wirst du mir heut begegnen?!“
Sehnsüchtig äugte der Alte durch das Fenster hinaus in den Wald.
„Agathe – vorwärts, schleich dich hinauf in die Wolfsschlucht! – Wir, meine Herren, werden in gehörigem Abstand hinterher schleichen! - Zuvor haben wir aber just noch Zeit für einen kräftigen Schluck Schlehengeist! Prost, meine Herren, und dann – wenn sie mir bitte nachschleichen wollen …?!“
- - -
Der bleiche Mond schien durch die kargen Äste der Krüppelkiefern auf einen dunkelgrauen Fellhaufen – oder nein: eben bewegte sich das Gewölle: es war niemand anderer als der Werwolf, der sich da auf dem Waldboden räkelte. Neben ihm lag die junge Schönheit, die sich Bianca Torturata nannte. Sie hatte sich in den letzten Stunden an ihren buschigen Gefährten gewöhnt und kraulte ihm das dichte Fell zwischen den Ohren, an der behaarten breiten Brust, und langsam glitt ihre Hand tiefer und tiefer …
„Grrr …,“ grollte der Wolfsmensch wohlig, „sooo – Bianca heißt du also … grrr !“
„Jaa,“ schnurrte das Mädchen und fügte kichernd hinzu: „Und mit einem Wolf habe ich noch nie etwas gehabt!“
Ein keuchendes Lachen schüttelte den muskulösen Körper des Tiermenschen.
„Ich werrd es dir genau errklären …!“
Der Werwolf richtete sich auf allen Vieren auf, hob seinen Kopf und schnupperte mit zuckenden Lefzen die kühle Nachtluft ein. Dann stutzte er.
„Was – wie rrrriecht denn das? Grrr – da ist doch noch ein Mädel in derrrr Nähe … grrrr?!“
Tatsächlich knackte es im Gebüsch, und entfernt ließ sich eine zarte Frauenstimme hören.
„Wir winden dir den Jungfernkranz,“ ertönte es, und dabei kam die Stimme immer näher.
Der Wolfsmensch wandte den Kopf hin und her zwischen den beiden weiblichen Wesen.
„So lange warrr ich einsam – und nun sind es gleich zwei! Grrrr! Und was sehen meine rrrotgerränderten Wolfsaugen da in mondhellerrrr Nacht? Die andere ist ein Rrrrrrotkäppchen! Dem rroten Käppchen kann kein echterrr Wolf widerrrstehen – grrrr!“
Agathe war im hellen Mondlicht auf die Lichtung getreten. Schon setzte der grimmige Tiermensch zum Sprung auf die neu angekommene Frauensperson an. Doch dann ließ ihn die fremdartige Form des Schwarzwaldhutes auf ihrem Kopf zurückschrecken.
„Grr – Rrrotkäppchen – bist du’s wirrrrklich?“
Agathe, die Förstergattin, verharrte ihm Schritt, als der Wolf so unverhofft vor ihr auftauchte. Furchtlos, wie ihr Mann es ihr an stillen Winterabenden beigebracht hatte, musterte sie den behaarten Gesellen.
„Wer, Wolf? Ich?“
Der Tiermensch fletschte die Zähne.
„Ja – du ! Und rrrede schnell, bevor ich dirrrr ….!“
„Ich sag’s ja schon, Herr Wolf,“ beeilte sich Agathe, um den Werwolf nicht unnötig wütend zu machen, und nannte ihren Namen.
„Soso, Agathe,“ knurrte das gierige Untier, „und weißt du auch, was der Volksmund hier im Walde sprrricht: wer Agathe sagt, derrr muß auch „begatte“ sagen!“
Etwas, das wie ein ziemlich heiseres Lachen klang, erschütterte den schweren behaarten Leib des Untiers.
„Oh, Sie sind ja ein Wolf, Sie,“ zwitscherte das Förstermädel kokett, ergriff ihren Hut und warf ihn hoch in die Luft.
Das war das verabredete Zeichen, und mit seiner Büchse im Anschlag trat ihr försterliche Gatte Max aus dem Unterholz und gebot: „Halt, Ungeheuer! Schnauze weg von meiner Frau, sonst knallt’s!“
Erleichtert seufzte seine Gattin: „Sehr schön, daß du diesmal so schnell kommst!“
„Geh aus dem Weg, Agathe, und gib mir das Schußfeld frei!“
Die Förstersfrau tat wie ihr geheißen.
Der Werwolf grollte und grimmte.
Max spannte den Hahn an seinem Gewehr – da endlich schnaufte Professor van Helsing, der nicht ganz so gut zu Fuß war wie der durchtrainierte Jägersmann, aus dem Gehölz.
„Moment mal, Max – habt Ihr denn auch eine geweihte Silberkugel in Eurer Büchse?“
Der Forstmann verharrte verblüfft.
„Eine was?“
Ohne das Untier aus den Augen zu lassen, setzte Alexander van Helsing seine Belehrung fort: „Ihr habt hier keinen normalen Wolf vor Euch, Max! Dies hier ist vielmehr ein Werwolf, und einen solchen kann man nur mit geweihten Silberkugeln erlegen!“
Max setzte sein Gewehr ab.
„Tatsächlich? Und woher wißt Ihr das?
Damit hatte er einem nicht zu bändigenden Redefluß des Professors alle Schleusen geöffnet.
„Oh, junger Freund,“ begann der Experte für alles Monströse, „das habe ich in allen erdenklichen wissenschaftlichen Materialien über Jahrzehnte hin studiert! Da wäre in erster Linie einmal zu nennen das grundlegende und wirklich unerschöpfliche Nachschlagewerk von Professor Hödlmoser von der Universität Leoben …!“
Während sich van Helsing in den Details seiner speziellen Studien verlor, erkannte der Werwolf seine Chance.
„Derrweil derr Alte da einen vom Wolf errrzählt, schnappe ich mirrrr doch lieberrr diese Bianca hierrr und laß das Rrrrotkäppchen sausen! Derrr Spatz in derrr Hand …!“
Ohne mit den Wolfswimpern zu zucken, zerrte das Monster die arme Bianca Torturata mit sich bergan – mochte sie noch so laut ihr „Hilfe! Hilfe“ in die mondhelle Nacht hinaus weinen. Max betrachtete unschlüssig seine Waffe, von der der Professor behauptete, dass sie gegen den Wolf, der sich da entfernte, nutzlos sei.
- - -
Jonathan stand wie versteinert daneben, bevor er ein zaghaftes „Halt aus, Bianca! Ich komme!“ in den Bergwald hinauf rief, der bereits wieder still stand und schweigend – doch weder er noch einer seiner Weggefährten machten sich auf zur Verfolgung des behaarten Ungeheuers. Unschlüssig blieben sie neben dem dozierenden Professor stehen, der seine Vorlesung über Wesen und Unwesen der Werwölfe ungerührt weiter hielt, so vertieft in die Theorie, dass er dem flüchtenden Objekt seiner Analysen keine praktische Beachtung schenkte.
„… wonach eben ganz schlüssig bewiesen ist, dass man zur Bekämpfung der Werwölfe unbedingt auf Kugeln aus reinem Silber angewiesen ist, welche zusätzlich noch geweiht sein müssen, um den Unhold tatsächlich niederzustrecken …“ kam er schließlich zum Ende.
Es hatte geraume Zeit gedauert.
Eben ging die Sonne über dem Bergwald auf.
Unruhig zupfte der junge Jonathan an van Helsings Paletot, und auch Iwan versuchte vergeblich ihn zu unterbrechen.
„Iwan sagt doch schon seit Stunden: wir müssen silberne Kugeln gießen!“
„Hier? In der Wolfsschlucht?“ fragte der junge Förster Max und schaute sich unruhig um, als suche er einen geeigneten Platz zum Kugelgießen.
„Egal wo! Wenn nötig auch hier!“ grunzte Iwan, „Sonst – nutzt alles nix!“
Alexander van Helsing wandte sich seinem treuen Diener zu: „Du sagst es, Iwan! Also: mach ein Feuer, derweil ich diesem jungen Mann hier noch einmal in aller Ruhe erkläre, wie und warum - !“
„Aber, Herr Professor,“ fiel ihm Jonathan Harker ins wissenschaftliche Wort, „wer wird uns hier die Kugeln weihen, die der gute Iwan gießt?“
Er schaute sich in der frischen Morgenluft um.
„Hier findet sich doch weit und breit kein Kirchlein!“
Agathe, die bisher etwas abseits gestanden hatte, nachdem das haarige Wesen sie – zu Gunsten der anderen – wieder hatte fahren lassen, presste aus ihrem immer noch ein wenig bebendem Busen hervor: „Es gibt nicht weit von hier einen frommen Eremiten!“
Ihr Gespons schlug ihr anerkennend auf die Schulter: „Agathe, du hast Recht! Der Eremit!! Wieso bin ich da nicht selbst drauf gekommen?!“
Er wandte sich wieder den anderen zu, die ihn gespannt ansahen.
„Der alte Eremit! Er haust da hinten gleich – in seiner Klause!“
Agathe nickte eilfertig und bestätigte die Worte Maxens.
Zufrieden nickte Van Helsing und gab augenblicklich die nächsten Befehle.
„Sehr gut! So holen Sie den frommen Eremiten herbei, lieber Max, derweil wir hier das Feuer entzünden, um die silbernen Kugeln zu gießen, die den wüsten Werwolf sein Leben kosten sollen!“
Max griff zu Hut und Jagdgewehr.
„Gut! Ich eile!“
Agathe schaute dem Ehegatten unschlüssig nach.
„Und ich?“
„Ihr?“
Van Helsing dachte nur einen Augenblick nach.
„Ihr windet einen Jungfernkranz!“
„Ach,“ seufzte Agathe, „das ist doch schon so lange her …!“
Und sie errötete sanft, so dass ihre Wangen beinahe die Farbe von Jonathans Apfelbäckchen annahmen. Doch darauf achtete keiner, denn alle scharten sich neugierig um den treuen Iwan, der das Feuer schürte, in dem die silbernen Kugeln gegossen werden sollten.
- - -
Die Wolfsschlucht zieht sich – wie so viele Schluchten – tief hinein ins Gebirge, immer höher hinauf, wo sich der Baumbestand immer mehr lichtet, die Felsen immer kahler zum Vorschein kommen, und – je höher ein Wanderer hinan steigt – auch die Luft immer dünner und kälter wird. Der Einschnitt zieht sich sogar bis hinauf an die Schneegrenze, und bis hierher hatte der Wolfsmensch Bianca Torturata geschleppt. Er hielt sie immer noch in seinen starken behaarten Armen – bzw. Vorderbeinen.
Der Ausblick war herrlich von hier oben, ganz besonders kurz nach Sonnenaufgang. Bianca ließ ihren Blick ringsum schweifen.
Den Werwolf hatte keinen Sinn für das Naturschauspiel, ihn störte der erneute Gesang des Jägerchors, der bis hierher herauf klang.
„Grrrrr – jetzt singen sie schon wieder – da drunten im Tale!“ knurrt er ungehalten und ließ er seine Gefangene ziemlich abrupt auf einen Felsklotz plumpsen, so dass sie ziemlich schmerzhaft ihr Steißbein spürte. „Sogar in dieser Wolfsschlucht findet man auch keine Rrrrruhe mehrrrr!“
Bianca zupfte fröstelnd an ihrer knappen Oberbekleidung herum. Neben dem Felsen hatte sie in einen schattseitigen Schneebatzen gegriffen.
„Oh, Wolf, hier oben liegt ja Schnee! Mir ist kalt!“
Nun zeigte sich mit einem Mal, dass im Wolfspelz kein Schaf, sondern ein echter Kavalier der alten Schule steckte.
Mit leuchtend gelben Augen betrachtete das Monster die hübsche junge Frau, doch in diesen Augen glomm nicht niederes Gelüst auf, sondern ehrliches Mitleid und Fürsorge für das hilflose weibliche Wesen.
„Ich sehe es! Dir fehlt ein Fell, mein schönes Kind,“ knurrte er, und es klang beinahe ein wenig nachdenklich, „hmmm – grrrr – warrrte hierrr – ich werrde einmal sehen, was sich tun lässt!“
Mit einem schelmischen Augenaufschlag wandte Bianca ein: „Aber, Wolf – wo willst du denn hier einen Pelz für mich finden?“
Das Lachen des Werwolfs klang wie ein Donnergrollen über die kahlen Berggipfel.
„Ganz einfach! Ich jage einen orrrdinären Wolf und ziehe ihm das Fell über die Ohren – für dich - grrrr!“
Schwanzwedelnd sprang er davon, aber bevor er aus dem Blickfeld Biancas entschwand, drehte er sich noch einmal um: „Du bleibst hier!“
„Gewiß, Wölfchen“ wisperte die Entführte, „und – wenn es geht, nimm einen grauen Wolf! Die Farbe steht mir besser!“
- - -
Während der Werwolf durch die hochalpinen Regionen der Karpathen strich, um ein geeignetes Fell zu finden, während Bianca Torturata, hilflos und fröstelnd, in der Hoffnung auf einen wärmenden Wolf in der Bergsonne verharrte, während Fürst Ottokar mit dem Chor der Jäger eine morgendliche Runde „Jägermeister“ nach der anderen becherte und seine Sorgen mit jedem Schluck des bittersüßen braunen Getränks mehr und mehr vergaß, umstanden die wahren Kämpfer für das Gute und gegen die bösen Wesen Transsylvaniens das Feuer, das Iwan entfacht hatte.
„Wir könnten jetzt beginnen mit dem Silberkugeln gießen, Herr Professor!“
„Sehr gut, Iwan!“
Van Helsing blickte um sich und sah die Augen von Agathe, die immer noch damit beschäftigt war, einen Jungfernkranz zu flechten, auf sich gerichtet.
Er räusperte sich.
„So nehmen wir zuerst einmal das Silber …!“
Iwan nickte und verharrte dann in der Bewegung.
„Welches Silber, bitte?“
Irritiert schaute der Professor seinen Diener an.
„Willst du damit sagen, dass wir kein Silber haben, Iwan?“
„Iwan fällt gerade ein: haben wir alles verbraucht beim letzten Mal, Herr Professor!“
Van Helsing winkte nonchalant ab und zückte sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche.
„So greifen wir einfach zu einigen Silbermünzen …!“
Nun sah sich Agathe gezwungen, eine Einwendung zu machen.
„Seit der letzten Abwertung sind die transsylvanischen Lewonzen leider nicht mehr aus Silber!“
Bedauernd zuckte sie mit den liebreizenden Schultern, obwohl sie selbst sicher keine Schuld traf an dieser Verschlechterung der einheimischen Währung.
„Verflucht!“ platzte van Helsing endlich der professorale Kragen. „Wir werden doch irgendetwas aus Silber finden!“
Alle schauten sich um – doch nirgends im Bergwald der Wolfsschlucht zeigte sich auch nur der kleinste Gegenstand aus diesem Edelmetall.
Plötzlich piepste Agathe wieder: „Der Eremit!“
- - -
Wild entschlossen war Max durch den nächtlichen Wald geeilt, immer tiefer und tiefer durch undurchdringliches Unterholz, über unsichere Steige und über kleine, milde dahinplätschernde Bergbächlein.
Es wurde schon hell, als er schließlich auf eine Lichtung kam.
Er traute seinen Augen kaum. Da spielten doch tatsächlich Fuchs und Hase miteinander, der Eichelhäher saß zutraulich neben dem Eichhörnchen, und an einer frischen Quelle schlängelte sich die Kreuzotter neben dem Ochsenfrosch.
In einem steilen Felsen auf der anderen Seite der Lichtung, gähnte eine Öffnung – und der weißbärtige Mann, der eben aus dieser Öffnung trat, gähnte ebenfalls, streckte und dehnte seine sehnigen braunen Arme.
Hier lag also die Klause des Eremiten, die Max gesucht hatte.
Der weise Mann machte einige Kniebeugen, dass seine Gelenke nur so krachten, dabei rief er den Tieren rundum aufmunternde Worte zu – und entdeckte erst dann den Neuankömmling.
Seit zwanzig Jahren lebte der Eremit Erwin nun schon ganz allein hier im Wald, zurückgezogen von der Welt, in der er einmal daheim gewesen war, in der er eine lange und unbefriedigende Zeit als Dramaturg an verschiedenen kleinen Provinztheatern hinter sich gebracht hatte.
Der ständige Zwist mit Intendanten und Kulturreferenten hatte Erwin mit der Zeit aufgerieben, unglückliche Ehen und eheähnliche Verbindungen hatten ihm Rückenmark und Unterstützungszahlungen entzogen, heute war er blank und abgeklärt wie flüssige Butter.
„Sieh da, Max!“ rief er dem jungen Förster entgegen. „Was führt dich hierher? Hast du etwa auch endlich die Schnauze voll vom Eheleben?“
„Oh, nein – keineswegs, Euer Ehren!“ stammelte der junge Mann, dem die Ehe mit seiner Agathe durchaus schöne Stunden zu schenken vermochte.
„Was ist es dann, das dich hier in den hintersten Bergwald führt?“ fragte der alte Mann und lud den jungen Förster mit einer weit ausholenden Handbewegung ein, auf einem weichen Moospolster Platz zu nehmen.
- - -
Der Rückweg zu seinen Gefährten verzögerte sich für Max nicht unerheblich, da der Eremit ihn unbedingt begleiten wollte, dabei jedoch starrsinnig immer wieder in die falsche Richtung trottete. Immer wieder blieb er unverhofft stehen und lauschte ins Gehölz hinaus, vernahm Nachtigallenstimmen und Ebergrunzen mit gleichem Frohsinn, dann wieder haschte er nach einem vorbei fliegenden Schmetterling und geriet dabei auf Abwege.
Doch irgendwann vernahm Max von weitem eine weibliche Stimme.
„Wir winden dir den Jungfernkranz!“ trällerte sie voll Inbrunst.
„Welch silberhelles Stimmchen hör’ ich da?“ staunte der Eremit, der wieder einmal stehen geblieben war.
Stolz verkündete Max: „Es ist Agathe! Meine Gattin!“
Entschlossen zerrte er den weisen alten Mann jetzt hinter sich her, so dass dieser keine Chance mehr hatte, nach links oder rechts auszubrechen.
Das Feuer, das Iwan entzündet hatte, war mittlerweile schon mehrmals niedergebrannt und wieder angefacht worden.
Die Verbündeten saßen trübsinnig um das flackernde Lagerfeuer, nur Agathe trällerte leise ihre Melodie.
Jetzt sprang sie begeistert auf und ihrem Max um den Hals. Der schüttelte sie ab und schob den Mann in der Kutte in die Mitte der kleinen Versammlung.
„Sie sind sicher der Eremit hier in der Wolfsschlucht!“ begrüßte der Professor den Weißbärtigen. „Van Helsing ist mein Name, Professor van Helsing, aber Sie haben sicher noch nie von mir gehört - ?!“
„Oh doch – natürlich: Van Helsing, der bekannte Vampir- und Werwolfjäger! Herzlich willkommen!“
Der Eremit begrüßte den überraschten Professor mit ausgestreckten Armen.
Max schwenkte einen großen Armleuchter.
„Wir haben das geweihte Silber gleich mitgebracht!“
„Ein Kerzenleuchter, den mir einst Pater Aloysius von den weißen Brüdern von Ganderkese geschenkt hat. Er war es, der mich auf den Weg des Glaubens und der selbst gewählten Einsamkeit - !“
„Her damit!“ unterbrach ihn ungeduldig Iwan und warf das Kirchengerät ins Feuer. „Jetzt werden Silberkugeln gemacht!“
Gedankenverloren schaute Jonathan in die Flammen.
„Hoffentlich ist es nicht zu spät … Bianca!“ seufzte er.
- - -
Bianca hatte ihre Augen geschlossen und war in einen leichten, unruhigen Schlummer gefallen. Ihre Brüste hoben und senkten sich in einem sanften, weichen Rhythmus, und hin und wieder entrang sich ein sehnsüchtiger Seufzer ihrem wogenden Busen, und ihr Becken rotierte in unterbewussten wollüstigen Bewegungen auf und ab.
Ihr gegenüber saß eine behaarte Gestalt und beobachtete sie, während immer häufiger ein gurgelndes Schnaufen aus seinem unmenschlichen Maul kam, von dessen Lefzen kleine Speichelflüsse tropften. Das Wesen wurde zusehends unruhiger und das Gurgeln wurde tiefer und grollender. Bianca schien das gefühlt zu haben, denn sie schlug mit einem Mal die Augen auf.
„Oh, Wolf!“ wisperte sie.
„Grrr,“ knurrte der Werwolf und sank wieder zurück. „Hierrr ist das Fell! Gefällt es dirrr?“
Bianca merkte, wie sehr sie fröstelte, und griff schnell nach der wärmenden Hülle. Mit einem koketten Schwung legte sie sich die stahlgraue Decke um.
„Du musst mir sagen, ob es mir steht, Wölfchen!“
Innen war das Fell wirklich warm und weich, außen hingegen tropfte noch das Blut des erlegten Tieres herab, und auch kleinere Fleischreste klebten noch an dieser Seite der Haut.
Bianca Torturata kuschelte sich trotzdem in ihre neue Pelzhülle, und der Werwolf lobhudelte mit leuchtenden gelben Augen: „Werr so aussieht wie du, derrr kann einfach alles trrragen, Bianca!“
Waren es die Fleischbrocken auf dem Fell oder Biancas Fleisch darunter, das den Wolf zum wilden Tier werden ließ?
„Komm“ knurrte er und setzte zum Sprung an, „komm in meine Höhle, Bianca … grrr!“
„Oh, nein, du Wolf,“ kreischte das schöne Mädchen auf. „Nicht doch! Mein neuer Pelz!“
Doch diese Worte hätten das brünstige Ungeheuer sicher nicht aufgehalten. Wohl aber die stahlharte Stimme, die hinter ihm erklang: „Bleib stehen, du Ungetüm!“
Bianca riss ihre großen runden Augen noch weiter auf.
„Professor van Helsing! Was Sie hier sehen, täuscht - !“
Doch der Vampir- und Werwolfjäger beachtete das Mädchen nicht, sondern hielt seine grauen Augen fest auf den Wertwolf gerichtet – genau so fest wie das doppelläufige Gewehr, das er im Anschlag hielt.
„Steh, Ungeheuer! In dieser Silberbüchse steckt nicht nur eine Silberkugel – es sind vielmehr zwei – geweiht vom Eremiten Erwin!“
Der trat jetzt hinter van Helsing aus dem niederen Gesträuch: „Grüß Gott, mein schönes Kind, - jaja, diese Silberkugeln sind aus meinem Armleuchter gegossen, mein lieber Herr
Wolf …! “
Der stand dem Professor mit seiner Silberbüchse sprungbereit gegenüber.
„Grrr,“ knurrte er, „geht mirr weg mit dem geweihten Zeug! Ich kann es nicht errtrrragen!“
Jonathan war neben van Helsing getreten und schaute voll Abscheu auf das Ungeheuer und den Umhang aus blutigem Fell, in dem sich seine Braut scheu verbarg.
„So schießen Sie doch endlich, Professor! Worauf warten Sie noch?“
„Gottes Segen ist mit Euch!“ echote der Eremit.
Doch van Helsing zögerte weiter und zischte aus dem Mundwinkel: „Ihre Braut, Jonathan! Ich habe sie im Visier!“
Tatsächlich hatte der Werwolf nach einem Moment der Überraschung Bianca an sich gerissen und mit einem gewaltigen Schwung über seine Schulter geworfen.
„Das ist falsch, van Helsing!“ rief Jonathan erregt. „Nicht auf Bianca zielen! Sie sollen doch auf den Werwolf schießen!“
In diesem kurzen Moment der allgemeinen Irritation und Verwirrung hatte das wilde Ungeheuer mit seinem tierischen Instinkt einen Fluchtplan ausgeheckt und blitzschnell in die Tat umgesetzt. Mit einem gewaltigen Satz sprang Willi, der Werwolf, die steile Felswand hinauf, grub seine scharfen Krallen ins Gestein und arbeitete sich wie ein Profi-Kletterer hinauf. Bianca hing kreischend auf seinem behaarten Rücken und krallte sich in das Fell, nur um nicht herunter zu fallen.
Van Helsings Finger ruhte auf dem Abzug, ohne zu zittern, doch der Professor zögerte immer noch abzudrücken.
„Wo will das Biest denn bloß hin?“ fragte Jonathan, der wie gebannt daneben stand und darauf wartete, dass van Helsing endlich abdrückte.
„Da hinauf!“ knurrte dieser, und der Förster Max, der zu ihnen getreten war, fügte die exakte geografische Angabe hinzu: „Hinauf! Auf die Wolfsschanze!“
„So halten Sie ihn doch auf, Professor!“
Jonathan rüttelte Van Helsings Arm, so dass dessen Flinte hin und her wedelte wie das sprichwörtliche Blatt im Wind.
„Sonst entkommt er uns noch ein weiteres Mal – mit Bianca!“
„Ich kann nicht schießen, wenn Sie meinen Arm festhalten, junger Freund!“ rechtfertigte sich der Professor.
Der junge Förster griff nach dem Gewehr.
„Soll ich vielleicht - ?!“
Während die drei Männer so um die Waffe rangelten, war der Werwolf mit seiner lieblichen Last auf einem schmalen Felsgrat oberhalb der Lichtung angekommen, der so genannten Wolfsschanze.
Mit wild rollenden blutunterlaufenen Wolfsaugen blickte sich das unheimliche Wesen nach seinen Verfolgern um, im nächsten Augenblick riss er den Kopf herum zur anderen Seite des Berges. Ein steiler Abhang führte von dem schmalen Grat drüben hinunter in ein saftig grünes Tal.
„Oh, Wolf, was tust du?“ hauchte Bianca, die sich noch immer in seinen Pelz krallte, um den Halt nicht zu verlieren.
„Jetzt sprrringen wirrr da hinunterrr – ins Zilla-Tal!“
Mit vor Schreck geweiteten Augen sah Bianca in das tiefe, tiefe Tal.
„Oh, nein!“ kam es fast tonlos von ihren Lippen.
Da knallte ein Schuss.
Es war Professor van Helsing gelungen, siegreich aus dem Gerangel hervorzugehen und die Silberbüchse erneut auf sein Ziel zu richten.
Der Werwolf zuckte getroffen zusammen.
„Das warr bestimmt dieserr Arrmleuchterr von dem Erremiten – grrr!“
Das Ungeheuer schwankte unsicher auf dem schmalen Felssteg. Bianca Torturata schwankte auf seiner Schulter mit.
Vor Schreck gebannt verkrallte sich Jonathan in die Schulter Professor van Helsings.
„Oh, nein – sie stürzen ab!“
Der Werwolf warf seine Arme in einer Art Todeskrampf hoch. Dabei entglitt ihm seine weibliche Last. Bianca schrie vor Entsetzen auf.
Die Zeit schien für ein paar Sekunden still zu stehen.
Dann stürzten die Beiden zugleich von der Wolfsschanze: der Wolf krachte den Jägern diesseits vor die Füße, Bianca Torturata jedoch verschwand mit einem lang nachhallenden Schrei jenseits der Bergkuppe.
Der Eremit Erwin schlug ein Kreuz, der zu Tode getroffene Werwolf nahm es mit Abscheu zur Kenntnis und knurrte: „Mit mirrr geht es sowieso zu Ende!“
Jonathan jedoch war aus seiner Erstarrung erwacht und begann wie besessen den Abhang hinauf zu krabbeln. Hinter ihm kullerten Erdklumpen und Felsbrocken auf den sterbenden Werwolf.
„Vielleicht hat sie noch einen Ast packen können – ich muss hinauf, muss sie retten …!“
Keuchend kam er höher, näherte sich der Bergkante, krallte seine Finger in den Felsgrat, zog sich mit letzter Kraft hinauf, um hinüber zu schauen.
Unterdessen umstanden seine Kampfgefährten den erlegten Werwolf, der sich mit seinen letzten Atemzügen auf dramatische Weise veränderte. Das Fell an seinem Körper verschwand von Sekunde zu Sekunde, die übermäßigen Krallen bildeten sich zurück, seine prognatische Gesichtsstruktur wurde immer menschlicher.
„Er verwandelt sich!“ staunte der Jäger Max.
„Das tun sie alle,“ dozierte Professor van Helsing, auf die Silberbüchse gelehnt, „Wenn Sie ordnungsgemäß mit einer geweihten Silberkugel erlegt sind, gewinnen sie im Tode ihre ursprüngliche menschliche Gestalt zurück. – Vielleicht erkennen wir ja sogar den Menschen, der unter diesem Fell sein unglückliches Schicksal gefunden hat - !“
„Nein, so was! - Es ist Wilhelm, der Sohn vom Fürsten Ottokar!“
Der Förster Max hatte gespannt die Verwandlung des mysteriösen Wesens verfolgt und beugte sich über den Sterbenden.
„Max,“ stöhnte das unglückliche Wesen, „bitte sag meinem Vater, ich konnte so nicht länger leben … damals … heute … aaah!“
Der Eremit Erwin drückte Willi, dem Ex-Werwolf, die Augen zu und begann ein Gebet zu murmeln.
Jonathan war auf der Wolfsschanze angekommen. Mit einer letzten gewaltigen Anstrengung zog er sich hoch, blickte über die Bergkante hinüber ins Zillatal.
Ein Entsetzensschrei entrang sich seinen keuchenden Lippen.
„Was ist, Jonathan?“ rief der Professor hinauf.
„Da unten!“ rief der Jüngling atemlos und wäre fast von dem Grat gefallen, weil er mit einer Hand auf die andere Seite hinunter zu zeigen versuchte.
„Da ist etwas! Ein – ein Monster!“
Was nur er sah, war eine gewaltige grüne, schuppige Gestalt, die sich den Abhang ins Zilla-Tal hinunter wälzte, in schwankendem aufrechtem Gang auf den gewaltigen Hinterpranken, in den Krallen seiner Vorderfüße die ohnmächtige Bianca Torturata.
„Was – was kann das sein?!“ schrie Jonathan entsetzt.
Der Eremit hielt in seinem Gebetsfluß inne.
„Ein Monster? Dort drüben? Oh, das kann nur Godzilla sein! Das Monster aus dem Zilla-Tal!“
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Wo auch immer man hinschaut: der Politiker an sich ist heute korrupt bis auf die Knochen. Seien es nordafrikanische Alleinherrscher zwischen Ägypten und Tunesien, französische Ex-Präsidenten oder österreichische Ex-Minister, sie alle hatten und haben nur eines im Sinn: möglichst viel Kohle in die eigenen Taschen zu wirtschaften. Und dieses Trüppchen stellt sicher nur die Spitze des Eisbergs dar - oder glaubt wirklich noch irgendjemand, daß die anderen Charakterlarven, die uns tagtäglich aus der Glotze entgegen grinsen, besser sind? Ihnen ist nur bisher niemand auf der Spur, auf den Fersen - noch wiegen sie sich in Sicherheit, noch glauben sie, daß ihre Konten sicher sind. Tja, wartet nur: das hat Ben Ali auch geglaubt, und nun sperrt ihm der sparsame Schweizer den Geldhahn zu und behält die Fränkli lieber für sich!
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Euch Italienern, die Ihr seit zwölf Jahren oder so einem alternden Kreuzfahrt-Entertainer mit Grinsemaul, angemalter Glatze und höchster krimineller Energie hinterher lauft? Eure gewählten Volks(?)vertreter werden entweder von ihm geschmiert oder für blöd verkauft, Eure jugendlichen Nutten kriechen zu diesem unappetitlichen Altsack ins Bett, und er grinst mit ungebrochener Frech- und Blödheit weiter. Ihr aber bemerkt gar nicht, daß dieser Kaiser ohne Toupet und Kleider so nackt wie ein kleines Würstchen dastünde, wenn Ihr ihm endlich mal zeigtet, wo der Hammer hängt! Schwachmaten seid Ihr Italiener!
Euch Deutschen Bewußtlebern, die eine gemeingefährliche Schnapsidee nach der anderen auf den freien Markt schmeißt! Als erstes die Prachtvorstellung vom umweltfruendlichen Bio-Sprit (!), bei dessen Herstellung leider etwas hochgiftiges Dioxin anfällt! Macht aber gar nichts,denn das verfüttern wir einfach an unser Massenvieh, vergiften Hühner, Schweine und Menschen zum höheren Lobe des ungehemmten Profits! Hoffentlich verreckt Ihr Profiteure, Ihr Schwarzbrenner und Giftmischer am Dioxin - nein - hoffentlich sitzt Ihr neben Euren Kindern und müßt zuschauen, wie die den vergifteten Löffel abgeben, den ihnen ihre Eltern gereicht haben!
Dir, Verkehrsminister Ramsauer, der Du mitsamt Deinen ebenso oberschlauen Vorgängern im Amte die Bundesbahn so in Grund und Boden ruiniert haast, daß nedlich keine Züge mehr fahren, die Weichen nicht mehr funktionien und die Fahrgäste nur noch frierende Stehgäste auf den Bahnsteigen sind! So profitabel macht man den Betrieb, daß man seinen Kunden empfehlen muß, lieber nicht die Bahn zu benützen, weil man sie gar nicht befördern kann! Um dem abzuhelfen, kommt nur brieslose Bayer dann noch auf die bekloppte Idee, statt der Züge doch lieber Busse auf die ohnehin verstopfte Autobahn zu schicken! Wie blöd muß man eigentlich sein, um in Deutschland Minister zu werden?
Dir, dem nicht minder blöden Bremer Umwelt- und Verkehrssenator Loske, dem es auch im zweiten Winter nicht gelingen wollte, Bremens Straßen zu räumen und zu bestreuen, daß sie etwa verkehrssicher würden! Doch, doch die Hauptstarßen ließen sich gerade noch schaffen, dann mußten die Straßendienste aber schleunigst wieder in ihr warmes Büro zurück zum Skatspielen! Sollen die Bürger, die in den kleineren Straßen wohnen, doch auf die Fresse fliegen und sich die Böden ihrer Autos an den vereisten Buckeln mitten auf der Straße aufreißen! Kann man doch gar nicht räumen! Einen Betriebsausflug in Regionen, wo das Phänomen Schnee häufiger vorkommt, zu veranstalten - das wäre eine Idee, auf die man als bräsiger Bremer Senator natürlich nicht kommt, weil man lieber darüber salbadert, daß man die Hochstraße am Bahnhof gerne wieder abreißen möchte! Herzlichen Glückwunsch!
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